Cäsars Tod im Knast

Ich muss mehr unter Leute gehen. Sagt mein Orakel auch: Gemeinschaft mit Menschen. Also bin ich gestern ins Kommunale Kino Freiburg gefahren, Rolf war dabei nebst 20 anderen Zuschauern. Man gab Cesare deve morire, das 2012 bei der Berlinale den Goldenen Bären gewann, völlig verdient. Ich war ergriffen.

Schwerverbrecher, langjährig im Gefängnis Rebibbia im Rom einquartiert, spielen Julius Cäsar von William Shakespeare. Salvatore Striano, der großartig den Brutus mimte, ist nun Schauspieler; er wurde 2006 begnadigt und wirkt heute in Fernsehspielen mit. Die Handlung in Schwarz-Weiß spielt auf den Gängen und in den offenen Räumen des Gefängnisses, und die anderen Inhaftierten verkörpern das Volk.

Flur im Stasi-Knast Niederschönhausen

Die Gebrüder Paolo und Vittorio Taviani sind durch die Filme Padre Padrone und Die Nacht von San Lorenzo bekannt geworden, und 2001 haben sie Auferstehung nach dem gleichnamigen Roman von Leo Tolstoi gedreht. In dem Film aus Rebibbia sieht man die Brüder nicht, es ist eine Dokumentation mit Spielelementen.

Die Akteure werden zu Beginn bei einem Casting ausgewählt, und sie sprechen ihren Dialekt, deshalb muss dieser Film im Original mit Untertiteln laufen. Plötzlich hat man wieder die Bilder der alten Pasolini-Filme vor sich, und daher kam wohl meine Rührung. Pier Paolo Pasolini (1922-1975) arbeitete immer mit Laienschauspielern, und sehen muss man Accattone von 1961. Accattone ist ein kleiner Zuhälter im römischen Stadtteil Testaccio, das damals verwahrlost und gottverlassen wirkte wie ein Dorf.

Schon am Anfang wird das traurige Ende (der Tod Accattones auf einer Brücke über den Tiber) vorweggenommen, als einer Accattone am Tiber mit Blick auf die Engelsburg fragt, wie er begraben werden wolle? Alle sollten fröhlich sein; wer weint, zahlt das Essen. Und der Grabspruch? Provare per credere, etwa: Probier’s erst aus, dann glaub. Ach, Accattone.

Vor dem Film hatte ich zu Hause Julius Cäsar gelesen, in der englischen Fassung. Es geht um Verrat. Brutus liebt Cäsar, lässt sich aber von Cassius überreden, bei der Bluttat mitzumachen. Alle Verschwörer stechen zu und schaffen den großen Cäsar beiseite, doch Marc Anton dreht dann den Volkswillen zu seinen Gunsten, mit einer Rede, in der er ironisch immer wieder ausruft: Doch Brutus ist ein ehrenwerter Mann. Marc Anton und Octavius, Cäsars Sohn, besiegen das Heer von Cassius und Brutus, die beide sterben.

Anrührend ist die Todesszene des Brutus, der seine Mitverschwörer anfleht, ihm beim Sterben zu helfen. Alle lehnen ab – bis auf einen, der ihm das Kurzschwert hinhält, in das sich Brutus dann stürzt. Cäsar sagt ja in unserer Fassung, als der Verräter ihn durchbohren will: Auch du, mein Sohn Brutus? Bei Shakespeare sagt er nur: Et tu, Brute! Then fall, Caesar!

Einige der Darsteller saßen wegen Taten im Umkreis des organisierten Verbrechens ein, und darin liegt die Brisanz der Geschichte. Denn sie werden es leibhaftig miterlebt haben (was einer auch zugibt), dass ein Boss verlangte, einen Verräter zu bestrafen: mit dem Tod. Dieser hatte ihnen persönlich nichts getan, aber gegen den Kodex verstoßen. Brutus sagt ja, er habe Cäsar geliebt, aber noch mehr liebe er Rom. Von Liebe ist bei der Camorra nicht die Rede, es herrscht die Angst. Wenn du den Auftrag ablehnst, bist du genauso draußen. Schuld auf sein Gewissen laden – oder ausgestoßen werden. Die meisten führten den Auftrag aus und zahlten mit vielen Jahren Haft dafür. Anscheinend ist das weniger schlimm als der soziale Tod.

Wer tötet, bleibt jedoch weiter im Rennen. Seine Strafe ist das Weiterleben. Leider redet niemand von den Opfern. Wir müssen viel öfter von denen sprechen, die auf der Strecke geblieben sind, und die Täter mit Nichtachtung strafen. Etwas seltsam fand ich die letzte Szene, als der Darsteller des Cassius in seine Zelle geführt wird und überlegt: Seit er die Kunst kenne, empfinde er erst die Zelle als ein Gefängnis.

In Dostojewskis Schuld und Sühne sagt Raskolnikow, man könne auch im Gefängnis ein ehrenwertes, gutes Leben führen. Kunst, richtig verstanden, eröffnet eine neue Dimension und hilft uns allen, das Gefängnis des Lebens nicht so hart zu empfinden. Die Kunst schenkt einen Blick nach draußen, und wer das versteht, für den gibt es keine Zelle mehr.

 

 

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