Die Sühne blieb aus

Sühne: ein edles deutsches Wort, das heute kaum mehr gebraucht wird. Für ein Verbrechen zahlen, dafür zur Rechenschaft gestellt werden, es sühnen. Das größte Menschheitsverbrechen der Weltgeschichte blieb weitgehend ungesühnt. Von den Tausenden Tätern wurden nur wenige vor Gericht gestellt; die meisten bauten sich wieder eine bürgerliche Existenz auf und starben an Altersschwäche.

Aufhänger für dieses Thema war ein Roman von Elie Wiesel (1928-2016), Der fünfte Bruder (1988). Die Tamiroffs werden in ihrem Wohnort Davarowsk in ein Getto gesperrt, und der deutsche Militärkommandant Richard Lander spielt sich als Schutzengel der Juden auf, hält große Reden, und dann fehlen plötzlich 50 Juden eines Arbeitskommandos. Man findet die Leichen: erschossen. Lander lügt und treibt seine Arroganz so weit, dass er den versammelten Gettobewohnern sagt, sie sollten sich vorstellen, er sei ihr Gott, und nun sollten sie ihn anbeten. Lander lässt sogar Kinder foltern, und der sechsjährige Bruder des Erzählers, Ariel, stirbt dabei.

DSCN3817Später entkommen Reuwen Tamiroff und seine Familie in die USA. Der Erzähler nennt sich nun Ariel nach seinem Bruder, erfährt zufällig, dass Lander mittlerweile als Chef einer Maschinenfabrik in Reschastadt lebt (erfundener Name; vielleicht Darmstadt oder Offenbach) und sich Wolfgang Berger nennt. Ariel gibt sich als amerikanischer Journalist aus, konfrontiert Berger mit der Vergangenheit im Getto, ergreift seine Waffe, tötet den alten Nazi jedoch nicht. Er begnügt sich mit Worten. »Sie werden nie wieder Frieden finden!« ruft er Berger zu. »Die Menschen werden mit Abscheu an Sie denken. Sie werden Sie verfluchen wie den Krieg und die Pest. Sie werden Sie verfluchen, sooft sie den Tod verfluchen.«

Nicht gedacht soll seiner werden. Das (ein Satz von Harry Heine) hatte ich in dem Beitrag Josef Mengele aus Günzburg zitiert. Mengele lebte unerkannt in Argentinien. Josef Eichmann wurde 1960 aus diesem Land gekidnappt, von israelischen Agenten, und in Jerusalem vor Gericht gestellt. Simon Wiesenthal (1908-2005) recherchierte den Tätern hinterher und kannte schon 1954 Eichmanns Aufenthaltsort. Er spürte 1967 den Ex-Kommandanten des Todeslagers Treblinka Franz Stangl auf sowie den »Schlächter von Wilna«, Franz Murer. Klaus Barbie, der »Schlächter von Lyon«, wurde vom Ehepaar Klarsfeld enttarnt.

Es gab von 1963 bis 1968 drei Auschwitz-Prozesse, bei denen insgesamt lächerliche neun Urteile auf Lebenslänglich gefällt wurden. Und der erste Prozess zog sich über 20 Monate hin. 20 Jahre nach den Taten musste man jemandem durch Zeugenaussagen schon Mord nachweisen, der ja nicht verjährt. Das war schwierig. Da war es für die Täter damals in den Lagern oder im Getto leicht, jemanden mal schnell zu erschießen oder zwanzig erschießen zu lassen … Es gab ja kein Recht, nur Willkür der Besatzungsmacht.

Fassungslos liest man, dass nach 1955 in Österreich ganze 20 Männer wegen ihrer Untaten zur Zeit des Nationalsozialismus verurteilt wurden, und 23 wurden sogar freigesprochen. Die Justiz war überlastet und nicht besonders interessiert, da alte Täter in ihr hohe Posten einnahmen, und eine zentrale Staatsanwaltschaft gab es nicht. In Österreich strengte man Prozesse gegen alte Nazis nur an, wenn es außenpolitisch geboten schien, schreibt Wikipedia.In Rumänien begann man sich erst 2003 an die Zeit zu erinnern, als die Juden des Landes in die Todeslager verschickt wurden.

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Die letzten Überlebenden der Shoah sind mittlerweile gestorben, die Täter leben auch nicht mehr. Angenommen, jemand stirbt und empfindet keine Schuld. Er hat zwar Hunderte von Juden erschossen, hielt es aber für nötig, außerdem war es ein Befehl. Ich denke, das wird diese Seele nicht retten können. Man stelle sich vor, diese Seele müsste bei ihrem Lebensrückblick das Leid erdulden, das sie anderen zugefügt hat! Und wer keine Reue über Morde empfindet, ist moralisch ohnehin minderwertig, da ist nichts hinzuzufügen. (Doch über viele viele Leben hinweg und viele Reinigungsprozesse kann auch solch eine Seele — nach Tausenden Jahren — erlöst werden. Erst dann ist das Erlösungswerk vollbracht, wenn alle gereinigt sind.)

Trotzdem: Wie war das möglich, fragen wir uns immer noch. Anständige Söhne unseres Volkes waren wie besoffen von ihrer Macht. Sie meinten im Recht zu sein, maßten sich die Herrschaft über Leben und Tod an, wurden zu Heuchlern und Sadisten und Mordgesellen. Wurden sie aus Pflichtgefühl zu gewissenlosen Killern? Sie sahen doch Menschen vor sich, arme Menschen; doch für sie waren es Untermenschen, mit denen sie umgingen wie mit Ungeziefer. Tiere behandelten sie meist gut, und Weihnachtslieder werden sie auch gesungen haben mit der blondbezopften Ehefrau, und gerührt werden sie dabei gewesen sein. Das ist völlig krank.

Elie Wiesel am Ende seines Romans:

Es wird mir bewusst, dass der »Engel« sich trotz allem von den meisten menschlichen Wesen unterscheidet, und eines Tages werde ich wissen, worin dieser Unterschied besteht.

 

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