Sklavenkarawane

Im Keller lag der Roman Sklavenkarawane von Karl May mit einem gelungenen Bild auf dem Titel. Ich holte ihn hoch und fing an zu lesen. Eine Hälfte habe ich geschafft; – als 14- bis 17-Jähriger las ich 40 von 70 Abenteuer-Romanen von May, die Winnetou-Bände oft vier Mal, und bei Winnetous Tod (Band III) war ich abgrundtief traurig. Es soll aber hier um den Sklavenhandel gehen und weniger um Karl May.

Die Sklavenkarawane regte mich nur an, über den Sklavenhandel zu lesen. Dennoch ein paar Worte zu Karl May (1842-1912). Er ist mit 200 Millionen verkauften Büchern der meistgelesene Schriftsteller Deutschlands. Sein Held (und Ich-Erzähler) im Wilden Westen hieß Old Shatterhand, und im Orient ließ er sich Kara Ben Nemsi nennen. Im Westen hatte er Winnetou als Blutsbruder, in der Wüste Hadschi Halef Omar als treuen Assistenten. Karl May kam aus einfachen Verhältnissen, saß wegen kleinerer Betrügereien und Diebstählen auch im Gefängnis, las wie ein Irrer und schrieb unausgesetzt.

Bis er 57 Jahre alt war, hielt er sich nie im Wilden Westen oder im Orient auf. Das ist alles abgeschrieben oder angelesen. Dafür ist es ziemlich gut. Eine Weile hielt er sich tatsächlich für Old Shatterhand und spielte den Leuten das vor. Der Autor war eine schillernde Gestalt und ein labiler Mensch, der von Größe träumte. Am Ende seines Lebens wollte er die Menschheit zu höheren Zielen emporführen. Ein Museum für ihn gibt es in Radebeul bei Dresden; ich war mit meiner Mutter mal dort. (Rechts oben die Gewehre des angeblichen Old Shatterhand, im Museum.)

In der Sklavenkarawane ist der Held Emil Schwarz, ein Gelehrter aus Ostdeutschland, der im Sudan seinen Bruder treffen will. Schwarz ist der Deutsche, der alles weiß und alles im Griff hat, der kaltblütig einen Löwen erschießt und den Sklavenhändler Abu el Maut zur Strecke bringt. Die Beduinen sind in der Mehrzahl feige, bequem und hinterhältig, die »Neger« naiv und freundlich. Neben Schwarz gibt es noch einige kuriose Mitarbeiter, die auch ein kurioses Deutsch sprechen und natürlich tüchtig sind. Der Tüchtigste nennt sich Ignatius Pfotenhauer. In dem Abenteuerbuch taucht keine einzige Frau als handelnde Person auf.

569 Seiten hat meine Ausgabe von 1949. Da habe ich bald die Segel gestrichen. Manche Schilderungen jedoch sind glasklar. Die Sklavenhändler haben ein Dorf von Einheimischen niedergebrannt. Nun warten sie darauf, dass die Einwohner herauskommen.

Jeder erwachsene Belanda, der vor einem der Tore erschien, wurde sofort erschossen; dasselbe Schicksal erlitten die älteren Frauen. Die jüngeren Personen riss oder schlug man nieder und band sie mit Stricken …

Die Gefangenen sollten natürlich nach der Seribah Abd el Maus transportiert werden. Kleine Kinder waren dabei hinderlich und unbequem. Daher gab Abu el Maut den Befehl, alle Kinder, die das Alter von vier Jahren noch nicht erreicht hatten, zu töten. Die Aufregung, die dieses Gebot bei den unglücklichen Müttern hervorbrachte, lässt sich gar nicht beschreiben. 

Na ja, Aufregung ist da ein schwaches Wort und »lässt sich gar nicht beschreiben« klingt auch hilflos. Ein großer Stilist war Karl May nie, was uns Kinder nicht gekümmert hat. In dem Artikel Sklavenhandel kommt das Thema vor, aber ich habe nicht in die Tiefe geschaut. Das tat ich jetzt.

Doch was bekommt man? Nur Zahlen. Es sind die Millionen, die verschleppt wurden. Das Leid, das damit angerichtet wurde, lässt sich gar nicht beschreiben … Wirtschaftszweige brauchten Arbeitskräfte, die Afrikaner waren stark und standen nach Meinung der Kolonialisten ohnehin unter dem Menschen und knapp über dem Tier, und die Zwischenhändler – rohe, gemeine Gesellen – wollten auch reich werden. Die Gier, an der es auch heute nicht fehlt, wurde unmenschlich.

Schon vom 7. bis zum 15. Jahrhundert holten sich Araber Einheimische aus Ostafrika und brachten sie über das Rote Meer. 7 Millionen sollen in diesen Jahrhunderten geraubt worden sein. Im Jahr 1452 bestimmte übrigens Papst Nikolaus V. in einer Bulle, »Heiden« dürfe man versklaven.

Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert waren es noch einmal 7 Millionen. Wikipedia schreibt: »Wie viele Menschen bei den Sklavenraubzügen und den unmenschlichen Transporten ums Leben kamen, entzieht sich jeder Schätzung.« Es werden weitere Millionen gewesen sein.

Von 1519 bis 1867 wurden 11 Millionen Afrikaner nach Amerika verschleppt, davon 4 Millionen nach Brasilien. Beim Transport sollen eineinhalb Millionen Menschen gestorben sein. Die Schwarzen in den USA und in Brasilien sind wohl Nachfahren der früheren Sklaven, die auf den Baumwollfeldern arbeiteten und ihr Schicksal mit dem Blues besangen, der ihnen dann von weißen Sängern auch noch weggenommen wurde. Zwangsarbeit gab es auch nach Abschaffung der Sklaverei in den afrikanischen Kolonien in der Zwischenkriegszeit. Belgien war im Kongo auch für den Tod von vielleicht Millionen Menschen verantwortlich. All dies trug zum Wohlleben der Europäer bei.

Und das ist eine geschichtliche Hypothek. Wurde dafür jemals Genugtuung geleistet? Man hat es einfach vergessen. 100 Jahre hat es gedauert, bis man eingestand, dass man den Indianern das Land weggenommen und Sklaven importiert hat. Und dort, wo daran erinnert wird, will Trump nun die Axt ansetzen. Doch dafür ist es zu spät.

Die damals armen Länder südlich der Sahara sind auch heute noch arm, und wenn seit geraumer Zeit ein paar Hunderttausend nun ihr Heil im Westen suchen, wollen Länder, in denen Wohlstand herrscht, ihnen die Grenzen verschließen und ihnen das Leben möglichst schwer machen.

Wie schrieb Suketu Mehta in This Land Is Our Land?

Das Recht auszuwandern ist eine überfälliger Ausgleich für jene Jahrhunderte von Erniedrigung und Ausbeutung.

 

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