Die dunkle Nacht der Seele

Die dunkle Nacht der Seele ist in englischsprachigen Ländern zu einer stehenden Redewendung geworden. Fast jede seelische Krise lässt sich so bezeichnen. Der spanische Karmelitermönch Johannes vom Kreuz (Juan de la Cruz, 1542-1591) hat das Gedicht geschrieben und nannte es La oscura noche del alma.

Der Mönch lebte ab 1568 nach den Regeln der Teresa von Avila und galt als reformierender Rebell, wurde 1577 eingekerkert, kam aber frei. Juan wurde 1582 Prior eines Klosters in Granada und Provinzvikar. 1591 verteidigte er noch einmal vor seinem Orden Teresas Gedanken, wurde aber ausgestoßen und starb bald danach, tief enttäuscht, am 14. Dezember 1591 bei Jaén.

Krisen treten auf, wenn jemand den spirituellen Weg geht und sich einer Transformation nähert. Einflüsse der Sufis sind unverkennbar: Der Mensch nähert sich Gott und will mit ihm verschmelzen, der Liebende wird zum Geliebten. Ich weiß nicht, von wem die Übersetzung stammt, vermutlich ist sie sehr alt, denn Minne als Liebe ist ein Ausdruck aus dem Frühmittelalter, der Zeit der Troubadoure. Auch Dante Alighieri und sein Freunde vertraten Ende des 13. Jahrhunderts dieses Gedankengut. Eine dunkle Nacht der Seele muss sein, bevor wieder der Tag anbricht mit neuen Wegen, den ein neuer Mensch erlebt.

Die dunkle Nacht der Seele

In Nacht an Sternen bloß,
von Liebesdrang glühend zum Ziel gerichtet –
o wunderseliges Los! –
entging ich ungesichtet,
mein Haus in Stille lassend, tiefbeschwichtet.

Tief in des Dunkels Schoß,
verborgene Stufen längs, vermummt, umdichtet –
o wunderseliges Los! –
nachts, jedem Blick vernichtet,
mein Haus in Stille lassend, tiefbeschwichtet!

Geheim, in Zauberringen
der Dunkelheit, wo mich kein Blick erkannte,
wo ich nichts sah von Dingen
und nichts mir Strahlen sandte
als jenes Leitlicht, das im Herzen brannte!

Das lenkte mich, das brachte
mich besser als der Tag, der grell durchblaute,
zum Ziel, wo meiner harrte
er, der zutiefst Vertraute –
zum Ziel, wo ich nichts Scheinbares erschaute.

O Nacht, du holdgesinnte,
o Nacht, die holder als das Frührot wachte:
o Nacht, die mich Geminnte
zu dem Geminnten brachte,
die mich Geminnte zum Geminnten machte!

 

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