Betty Kovács und die Wiederkehr der Mystik

Betty Kovács ist ein erfahrene Dozentin und Kennerin der Geistesgeschichte, und Anthony Chene ließ sie über ihr Lieblingsthema erzählen: die Vereinigung von linker und rechter Gehirnhälfte, von Vernunft und Gefühl, von Wissenschaft und Mystik. Das war vor einem Jahr, aber solch ein Thema bleibt aktuell, und wir lernen eine Menge. Merchants of Light heißt der Beitrag: wie ihr Buch.

Schön war schon einer der ersten Sätze, er war Wasser auf meine Mühlen. Die Ansicht der Wissenschaft laute: Wir sind durch Zufall entstanden, die Natur ebenfalls. Wir dürfen sie nach Belieben benutzen, und wir Menschen gehen nach dem Tod ins Nichts. Sie bekräftigte:

Das ist die schlimmste und zerstörerischste Weltsicht, die je eine Kultur ersonnen hat.

Die linke Gehirnhälfte sei rational und berechnend; die rechte intuitiv und dem Herzen zugeordnet. Im ganz alten Judentum heiratete Jahwe (linke Hälfte) die Weisheit (Sophia, rechte Hälfte); ohne sie litt er unbeschreibliche Qualen. Und die Menschheit mit. Jene heilige Hochzeit garantierte unsere Ganzheit. Emanuel Swedenborg ordnete (um 1750) den Verstand dem Mann zu, den Willen (und damit verbunden das Gefühl) der Frau, und meinte, Frauen kämen in der Anderen Welt besser zurecht, da sie tiefer empfänden als Männer.

Betty beschrieb:

Alles ist göttlich. Das ist die Haltung des Schamanismus. Wir sind das Licht. Wir müssen lernen, wie wir das Ventil öffnen, das uns zu jenem höheren Bewusstsein bringt. Die Mysterienschulen lehrten, dass wir alle ewig sind. 

Danach blickte sie weit zurück. Die Pyramiden der alten Ägypter seien in ihrem Inneren ein Limbo gewesen, ein Grenzbezirk, in dem man eine Wandlung hätte erleben können. Jeder Tempel habe einem Kapitel eines heiligen Buchs entsprochen, und alte Texte wiesen auf Kulturen weit vor den Ägyptern zurück: auf die Sumerer, die die Schrift erfanden, und womöglich auf Atlantis.

Kleiner Einschub: Ich erinnerte mich, einmal gelesen zu haben, dass Messerklingen unter einer Pyramide sehr lange scharf bleiben. Also legte ich 2 Einweg-Rasierer in die Höhlung einer ausgebrannten Kerze und setzte eine kleine Pyramide darauf. Und ich meine, dass die Klingen auch nach Wochen immer noch scharf sind; früher waren sie nach einer Woche stumpf und unbrauchbar. Probiert es aus! 

Jesus sei ein schamanischer Mystiker gewesen, doch die Kirche machte ihn zum Gott. Überhaupt sorgte die Kirche durch eine 700 Jahre währende Unterdrückung dafür, dass die Mysterienschulen in Vergessenheit gerieten. Doch sie waren im Untergrund geblieben, und von 1000 bis 1300 erblühten sie wieder: Mystiker meldeten sich, Bettelmönche zogen umher, Beginen und Nonnen versorgten Kranke, und die Frau wurde geachtet. Die Troubadoure besangen sie, und in jener Zeit (manipogo hat es einmal erwähnt) wurde im Schachspiel die Dame zur mächtigsten Figur; der König durfte plötzlich nur mehr Trippelschritte tun. Labyrinthe entstanden als Metapher einer Reise in den Kern der Seele.

Die Kirche aber schlug wieder zu: Die Katharer wurden vernichtet, die Tempelritter auch (1307), und zu blutigen Kreuzzügen wurde aufgerufen. Indessen hob das Verdrängte bald wieder sein Haupt: In der Renaissance ab 1500 wirkten große Künstler, das Corpus Hermeticum wurde entdeckt, Marsilio Ficino und Giordano Bruno und Pico della Mirandola stellten erstaunliche Thesen auf. Man wollte Kontakt zum Göttlichen, und Betty Kovács meint, die vielen Darstellungen der Verkündigung von Christi Geburt (durch einen Engel vor Maria, rechts ein Bild von Fra Angelico, 1433) zeige diesen erwünschten Kontakt. Um 1600 trafen sich die Rosenkreuzer im Prag, wo Rudolf II. herrschte. Auch diese Bewegung wurde erst einmal von der Kirche in alle Winde zerstreut.

Isaac Newton legte um 1700 die Basis der modernen Naturwissenschaft. 1712 entstand die erste Dampfmaschine, und Ende jenes Jahrhunderts begann die industrielle Revolution, die nie aufhörte. Die Aufklärung, die meinte, auf Gott verzichten zu können, kam 1780 nach Frankreich.

Doch immer wieder kehrte die Mystik zurück: etwa in Deutschland zur Zeit Goethes und vielleicht jetzt wieder. Von fünf »Renaissancen« sprach Betty Kovács. Wir lebten in einer kritischen, aber machtvollen Zeit des Übergangs. Viele Wege zur Transformation würden aufgezeigt.  Sie selbst erlebte es einmal, nach dem Tod ihres Sohnes: Ein Diskus aus Licht schwebte ins Zimmer, und das kosmische Bewusstsein sei herabgeflossen. Betty sagt:

Wir riefen. Wir wollen Ganzheit. Jeder von uns kann zum Anker der Bewegung werden. Öffnet das Ventil! Es gibt kein höheres Bewusstsein ohne das Herz. Lasst uns kosmisches Bewusstsein erreichen!

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Michael Grosso erinnerte vor zwei Monaten in seinem Blog an eine fast vergessene russische Erweckungsbewegung: an den Kosmismus von Nikolai Fjodorow (1928-1903). Die Kosmisten glaubten an eine Entwicklung des Planeten hin zu einer Ganzheit, wollten alle Gestorbenen zum Leben erwecken und damit auch eine Auferstehung der Liebe erreichen. Auch andere Planeten sollten besiedelt werden. Der Gedanke der Materialisten, Seele und Bewusstsein könnten mit dem Tod erlöschen, war Fjodorow ein Greuel. Wieviele andere, im Verborgenen wirkenden Bewegungen mag es gegeben haben und noch geben!

Und: Heute ist vierte Advent! Ein Bild aus Mannheim:

 

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