Ehrenwerte Leute

Vor 50 Jahren erschien der Roman Gente di rispetto von Giuseppe Fava. Auf Deutsch heißt er Ehrenwerte Leute und spielt in einem sizilianischen Dorf. Da denkt man sich doch gleich: ein Mafia-Roman. Aber so einfach ist die Sache nicht. Der Autor, 1925 auf Sizilien geboren, bekämpfte die Mafia, so gut es ging. Er wurde am 5. Januar 1984 in Catania vor seinem Theater, das L’ultima violenza spielte, ermordet. 

Gleich nach Erscheinen wurde der Roman von Luigi Zampa verfilmt. Links sehen wir den Umschlag einer italienischen Ausgabe, und man fragt sich irritiert, warum da ein Mann drauf ist? Er wirkt wie ein Figur bei Dostojewski (Oben rechts: der Autor). Aber eindeutig ist die Heldin die 31-jährige Lehrerin Elena Vizzini, die in das Dorf Montenero Valdemone auf Sizilien versetzt wird. Ihr leidenschaftlicher Liebhaber und Kollege Michele (sie haben geradezu animalischen Sex, und Fava schildert ihn in allen Einzelheiten; es waren die 1970-er Jahre!) ist nur eine Nebenfigur. Der Name des Dorfes, das fällt mir jetzt erst auf, verkündet schon Unheil: Er heißt etwa Schwarzer Berg, Tal der Dämonen.

Elena jedenfalls nimmt die Herausforderung an und sieht die Armut der Bevölkerung, aber auch die prächtige Kathedrale, die die Hauptstraße beherrscht. (Unten sehen wir den Dom von Ragusa, von mir höchstpersönlich 2014 fotografiert.)

Es gibt noch zwei weitere Kirchen, die Polizeistation, den Kulturverein, und abseits leben die Bauern in völliger Armut. Da denkt man an das berühmte Buch Christus kam nur bis Eboli von Carlo Levi. Doch zunächst läuft die Lehrerin umher. Sie wird bedrängt und angemacht von einem Mann, kann entfliehen; und am nächsten Morgen sitzt dieser Mann auf der Piazza auf einem Stuhl, eine Blume zwischen den Zähnen, und ist tot. Verhöre erbringen nichts. Später wird sie von zwei Männern auf einem Motorrad überfallen, an den Haaren gezogen, mitgeschleift. Mit Verletzungen kann sie entrinnen. Und am nächsten Tag steht das Motorrad auf der Piazza mit den beiden Männern drauf, die auch tot sind. Den Dorfbewohnern ist Elena unheimlich; hat sie etwa geheime Helfer, hat sie sich gerächt?

Elena erreicht etwas für die Ärmsten des Dorfes, doch die Versprechungen der Politik sind verlogen. Michele jedenfalls hält zu ihr, will sie sogar heiraten … Doch Elena überlegt, ob sie untertauchen soll. Bis zum Ende wissen wir nicht, wer für die Morde verantwortlich ist. Ich habe natürlich einen Verdacht, aber ihn auszusprechen wäre sinnlos, denn ich müsste etwas weiter ausholen.

Der Roman ist auf Deutsch 2003 im Unionsverlag Zürich erschienen. Spannende Lektüre.

 

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