Angst … und Schizophrenie
Der argentinische Journalist Francisco Olaso interviewte Herta Müller im November 2011 im Literaturhaus Berlin. Sie schilderte, die Heizung hätte meist nicht funktioniert, die medizinische Versorgung auch nicht, und die Menschen seien schlecht ernährt gewesen. Und überall, omnipräsent, der Diktator. Im Fernsehen, im Radio, im Theater und in den Museen: nur Werke des Regimes: »Es erstickte einen«, sagte sie.
Olaso erwähnte, sie habe einmal gesagt, in all den Jahren habe sie gelernt, neben sich zu stehen. Ob sie diese Art von Schizophrenie näher beschreiben könne? Herta Müller antwortete:
Ich glaube, dass das in allen Gesellschaften so ist, in denen die Angst regiert. Ich möchte sagen, dass man ja nicht blöd ist. Alles, was einen umgibt, beleidigt die Vernunft. Es ist immer dasselbe, eine einzige Verfälschung. Man weiß und sieht, wie die Leute leben, und in jedem Moment wird einem das Gegenteil versichert. Das Wort Fortschritt, das Wort Glück, alle diese Vokabeln, die in dieser Ideologie andauernd verwendet wurden, schufen eine perverse Realität. Und es entsteht ein regelrechter Ekel vor dieser ideologischen Sprache.
Und die »Arbeitsbesuche«, und Ceauşescu, der immer im Wagen vorbeikam, und wenn er im Herbst in die Stadt zurückkehrte, wurden die Blätter der Bäume grün besprüht, damit er kein gelbes Blatt sehen musste. Es waren abstruse Dinge. Man denkt, dass man in einem Irrenhaus lebt. Und selbstverständlich steht man da neben sich. Man denkt ja einigermaßen normal, doch würde man sich nicht neben sich stellen, dann müsste man stehenbleiben und einfach schreien.
Doch wenn man das tut, wird man auf der Stelle eingesperrt und Ende. Also schluckt man es hinunter und schweigt, nimmt es hin und nimmt es hin. Und man erstickt. Man kennt beide Seiten. Man weiß, dass man es nicht ertragen kann. Und trotzdem arrangiert man sich. Was kann man sonst tun?
Eine ähnliche Stelle findet sich auch in dem Roman Austerlitz von W. G. Sebald. Die frühere Amme der Titelfigur, Véra, erzählt von seinem Vater, Maximilian Aychenbach, wie dieser den Einzug des Führer-Konvois in Nürnberg miterlebte:
Maximilian habe berichtet, sagte Véra, dass er sich in dieser zu einem einzigen Lebewesen zusammengewachsenen und von sonderbaren Kontraktionen durchlaufenen und durchzuckten Menge tatsächlich als Fremdkörper empfunden habe, der nun gleich zermahlen und ausgeschieden werden würde.
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Das erste Prinzip der Diktaturen laut Herta Müller: Das Individuum gilt nichts. Die Repression dient dazu, die Macht zu festigen. Und die Angst. Sie ist der Motor.
Ich habe einmal gesagt, dass die Angst der einzige Produktionszweig während der Diktatur in Rumänien war. Das hat gut funktioniert: Angst zu erzeugen.
In den 1980-er Jahren verelendete das Volk. Währenddessen wurde Ceauşescu von westlichen Staaten eingeladen und hofiert, weil er etwas Abstand zum russischen System hielt. Auch bei der englischen Königin war er, und in Deutschland bekam er einen Orden. 1989 dann begannen die Ereignisse, die den Diktator wegfegten. Dazu sollten man den Artikel über die rumänische Revolution 1989 bei Wikipedia lesen, das ist lang, aber lehrreich. Am 15. Dezember begannen in Timisoara die Unruhen, am 25. wurden der Diktator und seine Frau abgeurteilt und sogleich hingerichtet.
Lange nach dem Ende der Diktatur sah Herta Müller in einer Schlange, die um Eier anstand, einen Mann wieder, der sie früher verhört hatte. Vielleicht war es Hauptmann Pjele aus diesem bedrückenden Buch Herztier. Die Autorin erzählte Francisco Olaso:
Ich erkannte ihn an seiner Angst. … In dieser Phase waren die Leute ziemlich hysterisch. Hätte ich mit lauter Stimme gesagt, dass da ein Polizist der Geheimpolizei steht, sie hätten ihn vielleicht gelyncht. … Ich sagte ihm: »Sehen Sie das? Jetzt haben Sie Angst vor mir. Was hatte das alles für einen Sinn?« … Ich dachte an meine toten Freunde.
Die Perfidie der Macht, die damals in Rumänien deutlich wurde, erkennt man heute in den Vereinigten Staaten. Mit juristischen Manövern und dem Aufmarsch von Soldaten wird Angst erzeugt: pure Existenzangst.
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