Flugverkehr (182): Miroslav Holub über Prag von oben
Heute mal ein Flugverkehr mit viel Prosa. Ich hatte nach unserer Prag-Reise das Buch Prag: In 96 farbigen Luftaufnahmen gefunden, aus dem Jahr 1966. Aus diesem Band darf ich ein paar Bilder bringen, der Verlag hat es mir erlaubt. Aber das Vorwort ist zu gut, dem kommt die Hauptrolle zu.
Miroslav Holub (1923-1998), ein Arzt und Dichter, dachte über Aufnahmen von oben nach, und daraus will ich zitieren. Eingestreut sind die Bilder. Holub erwähnt Josef Schwejk, den braven Soldaten, dessen Abenteuer Jaroslav Hašek erzählt hat, doch es sind 800 Seiten, und ich habe erst die Hälfte durch. Wird nachgeholt (am 2. März).
Holub:
Die Geschichte kennt einige bedeutende Personen, denen sich die jeweilige Stadt Prag aus der Vogelperspektive offenbart hat; oder wenigstens aus einer Art Luftperspektive, aus einem Blick von oben, aus dem allerdings der Zustand der Telefonautomaten, der menschlichen Herzen und Gedanken nicht ersichtlich ist, auch nicht der Preis von Frühgemüse. Wir nennen aufs Geratewohl die Fürstin Libussa, die Prophetin Sibylla, die Kreuzfahrer und Josef Schwejk. (…)
Dieser Stadt seien alle möglichen Strapazen in den Weg gelegt worden, sie sei belagert, verwüstet und wieder erneuert worden, und dennoch bestehe sie weiter, in allen seinen Bestandteilen.
Wenn es einen Genius dieses Ortes gibt, dann ist es dieser Geist einer historischen in Schichten lagernden Koexistenz, der Genius des Überlebens, und zwar nicht nur des schwejkischen Überlebens im Rahmen eines Bier-Mikrokosmos, sondern auch des irgendwie heldenhaften Überlebens eines in die Fingerhüte gegossenen Traumes und einer Schönheit …
Doch der Blick des Luftschiffers ist ein friedlicher Blick; von oben ist die Stadt ruhig. Die rinnenden Dächer erscheinen wie ein erfrischendes Mosaik, Türme und Paläste zeigen nur ihre edle aufstrebende Linie und nirgends ihre Baufälligkeit und Vergänglichkeit. Die Straßen sind klar und deutlich und die Probleme des Verkehrs sind auf Spielzeugmaßstäbe reduziert. (…)
Mir einer Art atmosphärischer Stille werden die Fragen beantwortet, warum sich die Menschen zu millionenfachen und hunderttürmigen Siedlungen vereinen, wenn sie es in ihnen nicht näher zueinander haben, sondern weiter. … Warum die größte Gemeinschaft zur größten Vereinsamung wird. Warum das Blühen einer Blume und das Krähen des Hahnes menschlicher sind als ein Bürohaus und das Summen von Transmissionen.
Kurzum, es ist eine Stadt, es wird eine Stadt dargeboten, und die Fahrt geht weiter. Und ihr Gewicht bleibt den Luftschiffern verborgen; das Gewicht des Wartens, des Kommens und Gehens. Das Gewicht der Vergeblichkeit und der Hoffnung. Das Gewicht der Schritte auf dem Flur, der Blicke aus dem Fenster, das Gewicht der Zimmerdecke und der Leistung. Das Gewicht des Sonntags. Das Gewicht des Rauches und der Asche. Das Gewicht der Spitäler und der Friedhöfe.
Und wäre es nur das Gewicht der Liebe, der erfüllten und unerfüllten. Und wäre es nur das Gewicht einer einzigen Verabredung. (…)
Der Blick des Luftschiffers ist ein friedlicher Blick, wie ein Geschichtsbuch und wie ein Reisebuch für die Jugend.
Theorie und Praxis des Lebens lehrt nichtsdestoweniger, dass es sehr gut, ja sehr notwendig ist, sich in allen möglichen Blicken zu schulen. Von oben, von unten, von der Mitte, vom Anfang wie auch vom Ende. …
Und es ist daher sehr gut. in einer Prager Straßenbahn daran zu denken, dass man sie von Flugzeugen aus sieht, und in Flugzeugen daran zu denken, dass in diesem Augenblick einige hundert Straßenbahnen in Haltestellen einfahren, von denen selten eine den Namen Sehnsucht trägt.
Es ist notwendig, durch die Straße zu gehen und in Pfützen zu treten, um zu erforschen, wohin die Straße in Zeit und Raum führt. Es ist notwendig, in tausend Lichtern ein einziges Licht zu sehen und in einer einzigen Lichtmesskerze den Glanz der Stadt.
Es wäre gut, alle Prager einmal hinauf in die Luft über ihre Stadt zu schicken und alle Aeronauten in die Malátova-Gasse in Strdchov und in die Čeřnomofská-Gasse in Vršovice. Denn nicht eine Perspektive zeigt das Wesen des Verständnisses für die Welt, sondern erst alle Perspektiven zusammen.
(Aus dem oben genannten Buch, Verlag Werner Dausien, Hanau, 1966. Die Luftaufnahmen sind von dem Ukrainer Eugen Vasiliak, der von 1925 bis 1975 lebte. Die Bilder wurden nur ein wenig bearbeitet, damit sie bessere Konturen hatten.)
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