Dante trifft Manfred
Dieser kurze Monat soll einigermaßen versöhnlich enden. Mir fiel ein, dass in der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri auch Manfred (1232-1266), der König von Sizilien und Sohn Friedrichs II., vorkommt. Er hängt im Purgatorium fest und erklärt sich. Das ist nicht allzu lang, verlangt jedoch noch nach einigen Erläuterungen.
Nach allgemeiner Ansicht ist die gewaltige Göttliche Komödie von Dante Alighieri (1265-1321), die er rechtzeitig am Lebensende fertig hatte, das erhabenste Werk der italienischen Literatur. Zum ersten Mal stand die italienische Sprache im Mittelpunkt. Das Buch ist streng durchkomponiert: 33 Gesänge über die Hölle mit ihren schrecklichen Martern; 33 aus dem Purgatorium; und 33 übers Paradies. Es ist in einem festen Reimschema geschrieben, und jeder der 33 Gesänge endet mit dem Wort Sterne.
Über Manfred hat manipogo schon einiges geschrieben, weil ich mal in Apulien war und er mein Namensvetter ist. Er ist mir irgendwie nahe: ein Freund der Künste und kein Kriegsmann, ein Freund der Sarazenen und ein gebildeter König. Nach dem Tod seines Vaters Kaiser Friedrich II. 1250 herrschte er über Sizilien (links ein Bild seiner Krönung 1258). Wie sein Vater war er Ghibelline, also ein Gegner des Papstes, den die Guelfen unterstützten. Der Papst exkommunizierte Manfred und rief Karl von Anjou ins Land, gegen dessen Truppen Manfred 1266 in der Schlacht von Benevent starb. Seine Beschreibung in der Göttlichen Komödie ist bekannt geworden: »Biondo era, bello e di gentile aspetto.« (Blond und schön war er, und gut anzuschau’n.)
Dante gehörte in Florenz zum Rat der Hundert, war politisch verantwortlich und entschied, die Guelfen aus der Stadt zu verbannen. Karl von Anjou eroberte jedoch Florenz, und Dante wurde 1302 verbannt. Er starb auch im Exil. Sein Werk wurde erst 1472 in Foligno, Mantua und Jesi gedruckt. (Rechts mein Fahrrad vor dem Grabmal Dantes in Ravenna.) Natürlich ist »Dante trifft Manfred« nicht ganz richtig, denn der Erzähler spricht zwar in Ich-Form, ist aber natürlich nicht mit Dante gleichzusetzen. Doch als er an seiner Komödie schrieb (das Göttliche soll Boccaccio 1360 hinzugefügt haben), lag Manfreds Tod erst 50 Jahre zurück.
Nun wollte ich wissen, wer die Komödie in der Gutenberg-Version übersetzt hat: Philaletes. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich überraschenderweise Johann, der König von Sachsen. Er wurde 1801 geboren, war ab 1854 König und starb 1873.
Also: Der Erzähler wandert mit Virgil (Vergil, der römische Dichter) herum und erreicht unter Gesprächen einen Felsen, als ein paar Seelen auftauchen. Es ist der dritte Gesang des Purgatoriums.
Und einer unter ihnen sprach: »Wer immer
Du seist, so wandelnd, wende mir den Blick zu,
Besinn dich, ob du je mich jenseits sahest.«
Ich wandte mich nach ihm und sah ihn starr an:
Blond war er, schön und edlen Angesichtes,
Doch eine Brau‘ hatt‘ ihm ein Hieb gespalten,
Als ich darauf demütiglich geleugnet,
Daß ich ihn je gesehn, sprach er: »Schau hin jetzt!«
Mir auf der Höh‘ der Brust ein Wundmal zeigend.
Dann sagt‘ er lächelnd weiter: »Manfred bin ich,
Der Enkelsohn der Kaiserin Constanze;
Drum bitt‘ ich dich, wenn je zurück du kehrest,
Geh hin zur schönen Tochter, die geboren
Den Stolz Siziliens hat und Aragoniens,
Und künd‘ ihr, wenn man andres spricht, die Wahrheit.
Nachdem der Leib mir durch zwei Todeswunden
Gebrochen worden war, ergab mit Tränen
Ich jenem mich, der willig stets verzeihet.
Zwar graunvoll sind gewesen meine Sünden,
Doch Gottes Güte hat so weite Arme,
Daß sie das aufnimmt, was zu ihr sich wendet.
Und wenn Cosenzas Hirt, der auf die Fährte
Von Clemens mir gehetzt ward, zu der Stunde
Wohl dieses Blatt in Gott gelesen hätte,
So würden die Gebeine meines Leibes
Bei Benevent, am Ausgang dort der Brücke,
Vom schweren Steinhauf‘ noch behütet, liegen;
Jetzt wäscht der Regen und bewegt der Wind sie
Jenseits des Reiches Grenz‘ unweit des Verde,
Dorthin versetzet bei verlöschten Kerzen.
Durch jenen Fluch wird so die ew’ge Liebe
Verwirkt nicht, dass zurück sie nicht kann kehren,
Solange Hoffnung noch ein wenig grünet.
Wahr ist es, wer dahinstirbt in dem Banne
Der heil’gen Kirch‘, ob er bereut am End‘ auch,
Muss dreissig Mal so lange Zeit dann auswärts
Von diesem Felshang bleiben, als er früher
In seinem Trotz verharrt ist, wenn nicht solche
Bestimmung durch ein fromm Gebet verkürzt wird.
Sieh jetzt daraus, ob du mich kannst erfreuen,
Wenn du, wie du gesehn mich, meiner guten
Constanz‘ enthüllst, und dies Verbot ihr kündest:
Denn die noch jenseits, fördern hier uns mächtig.«
Die »noch jenseits« sind aus der Sicht des Verstorbenen natürlich wir Erdenbürger, die durch Gebete den Sündern helfen können. »Grauenvoll« seien seine Sünden gewesen, bekennt Manfred; doch dies stimmt nur in der Optik des mittelalterlichen Menschen. Manfred hat sich eben wie sein Vater gegen den Papst gestellt, das Oberhaupt der Kirche, Gottes Vertreter auf Erden, und damit hat er sich anscheinend auch gegen Gott gestellt. Der Kirchenbann, den er erlitt, war damals schlimm. König Heinrich IV. stellte sich im Dezember 1076 drei Tage lang in Sichtweite des Papstes vor die Burg Canossa hin, demütig bereuend. Papst Gregor VII. erteilte ihm Absolution. Das war der berühmte Gang nach Canossa. So groß war einst die Macht eines Papstes.
Doch die ewige Liebe wird durch den Fluch des Papstes nicht »verwirkt«. Sie kann zurückkommen, und fromme Gebete helfen dabei. Hier zeigt uns Dante einen Ausweg. Er war ein Freigeist und sah das Unheilbringende in der Macht der Kirche. Doch die Liebe ist stärker.
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