„Trost in das Herz gekommen“
Beim Studieren von zwei Bänden des Magikon, einer von 1840 bis 1853 von Justinus Kerner herausgegebenen Zeitschrift, fand ich zwei schöne Stellen, die dem »Tränenkrüglein« zur Seite treten. Die Verstorbenen wollen nicht, dass wir zu sehr um sie trauern. Manchmal schalten sie sich auch selber ein.
Wir hatten ja schon ein paar Beiträge aus dem Magikon. Man kann sich darin festlesen, es sind unerhört spannende Geschichten darunter. Die Romantik war im Schwange, man interessierte sich für die »Nachtseite der Natur«, und damals mag es mehr paranormale Erlebnisse gegeben haben als heute in unserer schrecklich praktischen und hektischen Zeit. Man schrieb auch anders; der Untertitel des Magikon lautete so:
Archiv für Beobachtungen aus dem Gebiete der Geisterkunde und des magnetischen und magischen Lebens nebst anderen Zugaben für Freunde des Innern.
Im Jahresband 1847 wird das Leben der Suzette B. aus Z. geschildert, die immer kränklich war und nach einigen Krisen sich zur »Somnambulen« entwickelte, also zum Medium und zur Hellseherin. (Links sehen wir Lady Macbeth beim Schlafwandeln, ein Bild von Eugène Delacroix um 1849/50.)
Sie war schon lange bettlägerig, als sie plötzlich auf den 10. Oktober 1831 einen Onkel herbestellte: Er solle Punkt 6 Uhr bei ihr sein. Der Onkel hatte vor einem halben Jahr seinen Sohn verloren und litt sehr unter diesem Verlust. Dann stand er vor der Kranken, die ihn begrüßte:
Aha, sind Sie da? – ich habe Ihnen einen himmlischen Gruß von Ihrem Jb. aus dem Himmel! – Er lässt Ihnen sagen, dass Sie doch auf der Stelle aufhören sollen, um ihn zu trauern. Sie sollen doch seinetwegen fröhlich sein und ihm die himmlischen Freuden gönnen!
Er habe sie damit beauftragt, das weiterzugeben. Zwei Monate danach übrigens geriet sie in Entzücken und sagte:
Ich befinde mich in den himmlischen Gärten! – unsere Gärten oh! Sie sind nichts gegen diese, sie sind nicht wert, dass man von ihnen spreche! Oh! wenn ihr doch diese Blumen sehen könntet, diese Gerüche riechen würdet. Dies möchtet ihr aber nicht ertragen, es wäre Euch zu heiter! denn wenn diese Gärten schon von hunderten Sonnen beleuchtet würden, so könnte es nicht heller sein! Wenn ich einst in die himmlischen Gärten komme – ich werde es beinahe nicht aushalten können.
Da hatte sie schon einmal einen Vorgeschmack des Paradieses. Suzette starb dann mit 22 Jahren am 23. Juni 1832.
Im Jahresband 1849 berichtet der Arzt Dr. R. Johannsen von einem Erlebnis. Er litt bittere Trauer über das Hinscheiden seiner jungen Gattin und lag im Bett, als er von der Tür her ein Knarren vernahm.
Ich hörte ganz deutlich leise Tritte im Zimmer und endlich trat eine weiß gekleidete Gestalt in den von einem Schirme abgetheilten Raum, wo mein Bett stand. Augenblicklich erkannte ich in ihr meine theure Entschlafene; sie bewegte sich mit einem unbeschreiblich milden und freundlichen Blicke zu mir nieder und drückte ihr Taschentuch zweimal an meine Augen, worauf sie, beim Weggehen sich noch einmal umblickend, verschwand.
Es war kein Traum, sondern so sicher eine Erscheinung, wie nur je eine sich gezeigt hat, und mir ist von der Zeit an ein freudiger Trost in das Herz gekommen, was die Selige auch wohl nur hat bezwecken wollen.
Der Doktor erwähnt auch, er habe Veilchenwurzel gerochen, was seine Frau zwischen die Taschentücher zu legen pflegte. Gerüche begleiten manchmal das Auftreten von Erscheinungen.
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