Das Schweigen in den Worten
Düster geht es weiter. Wieder zwei Völker – besser: Ethnien –, die sich belauerten, bedrohten und bekämpften, aber das stimmt gar nicht. Es wurde gehetzt damals, 1994, in Ruanda, und Hutu-Milizen und Bürger auch schlachteten Tutsi ab, und 800.000 Menschen starben. Michaël Sztanke und Gaël Faye haben 2022 einen Dokumentarfilm darüber gedreht.
Die beiden Filmemacher sprachen mit 3 Frauen, die das Gemetzel überlebten. Der Film hat englische Untertitel. Jeanne Muraketete war damals 20 Jahre alt. Hutu und Tutsi lebten zusammen, es ging freundlich zu. Dann schickte der Lehrer in der Schule die Hutu-Kinder auf eine, die Tutsi auf die andere Seite. Soldaten markierten die Türen des Dorfes, angeblich für eine Volkszählung. Es gab geheime Treffen. Milizen der regierenden MRND-Partei rasten durch den Ort und schrien: »Wir werden sie auslöschen! Wir werden sie abschlachten!« Ein altes Muster: Die Tutsi wurden als Volksfeinde bezeichnet, als ein Virus, als Ungeziefer; man entmenschlichte sie.
Concessa Musabiyinama war 1977 geboren, also erst 17 und hatte schon ein Kind. Für den Film kam sie zum ersten Mal wieder zurück nach Nyarushishi, wo alles begann. Im April ging es los mit dem Genozid. Sie rettete sich in eine Kirche, deren Pfarrer bewaffnet war. Wer hinausging, wurde erschlagen. Hutu-Soldaten vergewaltigten Halbwüchsige. Die Tutsi warfen Steine. Schließlich kam Yussuf mit einer Menge Soldaten, die »Lasst uns sie auslöschen!« riefen. Concessa erzählte:
Die Toten fielen auf uns. Wir waren begraben unter Leibern. Als sie des Tötens müde waren, holten sie sich Kühe. Starker Regen kam, und das Töten hörte auf. Nur mein Baby und ich überlebten. So viele haben sie umgebracht, so viele! Ihre Frauen und Kinder entkleideten dann die Toten.
Das Dorf Gashirawoba war entvölkert. Sie wanderte die ganze Nacht und wurde dann von 4 Hutu-Soldaten vergewaltigt. In einem Stadion waren viele andere, es wurden Reihen von Männern, Frauen und Kindern gebildet, und die Hutu gingen mit Listen herum, und viele holten sie nach draußen und erschlugen sie. Alte wurden gevierteilt, Frauen gepfählt. Nyarushishi wurde ein Ort des Horrors. Das Rote Kreuz brachte Concessa später in ein Lager, in das am 23. Juni französische Soldaten kamen. In einem Graben außerhalb wurde sie von Franzosen vergewaltigt und blieb dort 3 Tage. Concessa:
Erst fühlten wir uns sicher. Doch die französischen Soldaten waren an den Zelten interessiert, in denen hübsche Mädchen schliefen. Mit ihren Übersetzern gingen sie umher. 4 Soldaten holten mich, fotografierten mich nackt und vergewaltigten mich, und am nächsten Tag dasselbe. Es schmerzt, wenn ich dran denke.
Prisca Mushimiyimana kam aus Gishambu. In der Nähe, in Murambi, wurden damals 50.000 Tutsi ermordet, es gibt dort ein Genozid-Museum. Am 1. Juli kamen französische Soldaten in das Lager, in dem Prisca lebte. Um das Lager herum zogen sich Gräben. Prisca:
Sie gingen durch die Zimmer und suchten die aus, die sie wollten. Sie nahmen sich Mädchen, mit denen sie schlafen wollten. Zu uns sagten sie: ›Legt euch auf den Boden und streckt die Beine hoch.‹ Wir waren verzweifelt.
Ihr Mann verließ sie, weil sie von Franzosen vergewaltigt worden war. Was sollen die Leute denken? Prisca schämt sich, mit ihren Kindern darüber zu reden, und diese verstehen das. Sie sei traumatisiert und bleibe manchmal tagelang im Bett.
Die 3 Frauen erhoben Anklage, doch die französische Armee streitet alles ab und weigert sich, Namen herauszugeben. Hatten französische Soldaten nicht schon 30 Jahre zuvor in Algerien Bluttaten und Grausamkeiten verübt? Beschämend.
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