Harry Heine (8)

Da wir gerade beim Horror sind und beim Gruselfilm: Heinrich Heine (1797-1856) hatte das Düster-Jenseitige ja auch drauf. Er war zwar eine Ausnahmeerscheinung, doch irgendwie reagierte er auch auf den Zeitgeist: Die Romantik liebte die Nachtseite der Natur, und Spuk, Geister und Dämonen gehörten dazu.

Himmelsbräute

Wer dem Kloster geht vorbei
Mitternächtlich, sieht die Fenster
Hell erleuchtet. Ihren Umgang
Halten dorten die Gespenster.

Eine düstre Prozession
Toter Ursulinerinnen;
Junge, hübsche Angesichter
Lauschen aus Kapuz und Linnen.

Tragen Kerzen in der Hand,
Die unheimlich blutrot schimmern;
Seltsam widerhallt im Kreuzgang
Ein Gewisper und ein Wimmern.

Nach der Kirche geht der Zug,
Und sie setzen dort sich nieder
Auf des Chores Buchsbaumstühle
Und beginnen ihre Lieder.

Litaneienfromme Weisen,
Aber wahnsinnswüste Worte;
Arme Seelen sind es, welche
Pochen an des Himmels Pforte.

»Bräute Christi waren wir,
Doch die Weltlust uns betörte,
Und da gaben wir dem Cäsar,
Was dem lieben Gott gehörte.
(…)

»Grabentstiegner Spuk der Nacht,
Müssen büßend wir nunmehre
Irre gehn in diesen Mauern
Miserere! Miserere!«

»Ach, im Grabe ist es gut,
Ob es gleich viel besser wäre
In dem warmen Himmelreiche –
Miserere! Miserere!«

»Süßer Jesus, o vergib
Endlich uns die Schuld, die schwere,
Schließ uns auf den warmen Himmel –
Miserere! Miserere!«

Also singt die Nonnenschar,
Und ein längst verstorbner Küster
Spielt die Orgel. Schattenhände
Stürmen toll durch die Register.

 

Pfalzgräfin Jutta 

Pfalzgräfin Jutta fuhr über den Rhein,
Im leichten Kahn, bei Mondenschein.
Die Zofe rudert, die Gräfin spricht:
»Siehst du die sieben Leichen nicht,
Die hinter uns kommen
Einhergeschwommen —
So traurig schwimmen die Toten!
»Das waren Ritter voll Jugendlust —
Sie sanken zärtlich an meine Brust
Und schwuren mir Treue — Zur Sicherheit,
Dass sie nicht brächen ihren Eid,
Ließ ich sie ergreifen
Sogleich und ersäufen —
So traurig schwimmen die Toten!«
Die Zofe rudert, die Gräfin lacht.
Das hallt so höhnisch durch die Nacht!
Bis an die Hüfte tauchen hervor
Die Leichen und strecken die Finger empor,
Wie schwörend — Sie nicken
Mit gläsernen Blicken —
So traurig schwimmen die Toten!
Unten rechts Frau Jutta in der Handschrift des Autors, Das Gedicht wurde 1826 geschrieben. Die Himmelsbräute verfasste er 1851.
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