Die Go-Spielerin

Die chinesische Autorin Shan Sa, 1972 geboren, hatte im Jahr 2000 mit ihrem Roman Die Go-Spielerin in Frankreich und international viel Erfolg. Ich habe ihn rasch gelesen – doch jetzt weiß ich nicht mehr viel darüber. Eine junge chinesische Go-Spielerin misst sich in Peking regelmäßig mit einem japanischen Leutnant, und sie verlieben sich ineinander.

Das Buch ist gut aufgebaut, die Spannung wächst von Seite zu Seite, und da wir Westler auf die Handlung starren und die romantische Liebe verehren, folgen wir atemlos – bis zur Explosion auf der vorletzten Seite, zur Symbiose von Liebe und Tod, wie man es sich aus Fernost erwartet.

Auf der Rückseite des deutschen Buchs aus dem Piper-Verlag steht:

Das Go-Spiel ist ein Spiegel der Seele. 

Wikipedia liefert eine Anleitung zu dem Spiel, das schon 4000 vor Christus existiert haben soll. Es gibt 19 mal 19 Felder (also 361), und Schwarz, das beginnt, hat 181 Spielsteine, während Weiß nur 180 bekommt. Beide haben also auch 361 Steine. Es ist ein Umzingelungsspiel, irgendwie auch ein Kriegsspiel. Man baut Gruppen auf, die leben, wenn sie vor der Zerstörung sicher sind und tot sind, wenn sie vor dem Schlagen nicht gerettet werden können. Go ist vermutlich schwieriger als Schach. (Bild oben rechts: Wikimedia Coommons)

Der Roman Die Go-Spielerin ohne die Kenntnis des Go-Spiels ist vielleicht eine halbe Sache; aber vielleicht ist für die Autorin das Spiel auch nur ein Anlass: ein Motiv, um eine Liebesgeschichte zu erzählen. Es wird ja viel geschrieben und viel erzählt, Abertausende Seiten und Millionen Romane existieren, und dann gibt es karge Lyrik und Aphorismen und Novellen und Vignetten, und alles kreist irgendwie um ein schwarzes Loch: Das Wichtigste ist unsagbar.

Shan Sa wollte natürlich auch China und Japan thematisieren. Der Roman spielt im Jahr 1937. Die Japaner haben Peking besetzt, die chinesischen Truppen mussten sich zurückziehen und hinterließen dabei verbrannte Erde. Als sie gezielt eine Überflutung provozierten, starben dabei 100.000 Menschen. Das spielte wohl keine Rolle. 10 bis 15 Millionen Chinesen starben im Zweiten Weltkrieg. Japan hielt Peking bis 1945 besetzt, und dann fassen Soldaten einen Spion, einen jungen Mann, der ein Mädchen ist, und der Leutnant darf der erste sein, sie schieben ihn in die Hütte, schnell soll er machen, da die anderen auch ihren Spaß mit dem Mädchen haben wollen, und so sind die Liebenden vereint, kurz vor Schluss.

Im Glossar heißt es, Japan habe laut einem Beschluss von 645 zu einer Kopie der Tang-Dynastie werden sollen. Seit 838 entwickelte sich Japan ohne Kontakte zum Festland. Dann standen 1853 US-Kriegsschiffe vor der japanischen Küste, und das löste den Willen der Insulaner aus, westlich zu werden. Also wurde Japan in 150 Jahren zu einer Kopie des Westens und dank Fanatismus, Opfermut und Selbstverleugnung sogar zum besseren Westen. Schon 1905 war das Heer der Insel so stark, dass es Russland besiegte, und dann sollte Japan nach Wunsch des Regimes ganz groß werden.

1931 wurde die Mandschurei eingenommen, 1937 Peking, es gab Kämpfe um Singapur, und am 13. Dezember 1937 marschierten japanische Soldaten in Nanking (Nanjing) ein, in die chinesische Hauptstadt, die laut Chiang Kai-Tschek um jeden Preis verteidigt werden sollte. Doch wie? Die chinesischen Soldaten berief er ab, und die Zivilbevölkerung war gefangen.

Nun setzten die Japaner zu einem großen Morden an. In 8 Wochen wurden 300.000 Menschen auf bestialische Weise abgeschlachtet, Zehntausende Frauen gefangen und vergewaltigt. Säuglinge wurden ermordet und Männer verbrannt, es gab unbeschreibliche Szenen. Details bei Wikipedia.

Das war das Massaker von Nanking, das China nie richtig thematisierte, um sich mit Japan gut zu stellen, und für das Japan nie die Verantwortung übernommen hat. Es war ein Exzess aus Fanatismus, Blutdurst, Mordlust und Vernichtungswillen. Ein deutscher Siemens-Funktionär, John Rabe (1882-1950), schuf eine Sicherheitszone und rettete gemeinsam mit Minnie (Wilhelmina) Vautrin (1886-1941) 200.000 Menschen das Leben. Rabe hatte die Geschehnisse genau dokumentiert, kehrte zurück und starb 1950 in Armut; Minnie kam nie über den Schrecken hinweg und ging zugrunde. (Oben: das Haus von John Rabe, Wikimedia Commons)

Iris Chang schrieb 1997 das Buch The Rape of Nanking, das den Horror für die Nachwelt aufbereitete und ein Bestseller wurde. Sie war 1968 geboren und schied 2004 aus dem Leben. Manche fürchterliche Geschehnisse fordern auch Generationen danach noch Opfer, denn die japanische Grausamkeit kannte keine Grenzen.

Dieser kaum beachtete Horror lenkt unseren Blick auf Japan, für das ich immer eine heimliche Sympathie gehabt hatte. Morgen hören wir mehr über dieses Land.

Oben links: aus einer Reihe von Fotos von Itou Kaneo; rechts unten ein freies Foto, beide sind in Nanking 1937 angesiedelt. 

 

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