Fünf Jahre in Japan
Angela Staude Terzani, 1939 geboren, hat mit ihrem Mann, dem Spiegel-Korrespondenten Tiziano Terzani (1938-2004), 5 Jahre in Japan verbracht. Sie fühlte sich dort nicht wohl und hat in ihrem Buch Die Erben der Samurai eine schonungslose Analyse dieses Landes und seiner Bewohner vorgenommen. Das hat mich von meiner Liebe zu Japan kuriert.
Echte Liebe war es nicht, es war eher eine geheime Faszination. In Rom besuchte ich oft das Japanische Kulturinstitut oben im Parioli-Viertel, ich sah dort die Kurosawa-Filme und Ausstellungen von Fotografen. Die Filme von Kitano Takeshi, ja, die habe ich geliebt; nicht alle, am meisten natürlich Der Sommer von Kikujiro, doch andere sollen ziemlich gewalttätig sein. Die Bücher von Kawabata Yasunari mag ich, und von Japan ging immer ein unergründlicher Sog aus, weil da ein Geheimnis verborgen sein musste.
Ähnlich sah es wohl auch Lafcadio Hearn (1850-1904), dessen Bücher Anfang des 20. Jahrhunderts im Westen das Japan-Bild prägten. Hearn war Grieche, siedelte in die USA über und mit 40 Jahren nach Japan. Er wurde sogar Japaner und nahm den Namen Koizumi Yakumo an, doch Angela Terzani meint, am Ende seines Lebens habe er eingesehen, dass es da nichts zu finden gab: Japan hatte kein Geheimnis.
Wenn wir ihre Thesen zusammenfassen, geht das so: Die Japaner glauben an nichts, an keine Seele und keine Unendlichkeit; sie glauben nur an sich selbst und an ihre Nation. Sie sind alle Soldaten mit einer Samurai-Seele. Der Samurai ist seinem Chef, dem Daimyo, unbedingt treu und hat keine anderen Werte. Er liebt den fairen Wettkampf, doch dann bricht immer wieder jähe Gewalt aus ihm heraus. Überall nur Beamten und Bürokraten. Der Mann im Büro ist der Salaryman, dessen Existenz in diesem Film gut beschrieben und analysiert wird.)
Die Vergänglichkeit wird beschworen, was ein buddhistisches Erbteil sein mag, und sie ist gepaart mit einem gewissen Lebensekel, der zuweilen sogar in eine Verehrung (oder Nichtachtung) des Todes mündet.
Die Japaner haben kein Herz und keine Moral, meinte Frau Terzani. Zu ihren Kriegsverbrechen haben sie sich nie bekannt, das Massaker von Nanking 1937 etwa wurde lange totgeschwiegen. Später, im Wirtschaftsleben gegen Ende des 20. Jahrhunderts, arbeiteten sie lange und rastlos und unterdrückten ihre Gefühle (und ihre Frauen), um die Nation zum Glanz emporzuheben. In Südkorea gibt es dafür einen Ausdruck: gosaeng lekeute magi onda – ein bitteres Leben für die Freude am Ende. Das wirkt wie ein verweltlichtes Heilsversprechen, wie es nur die Religionen boten.
Jeder füllt seine Rolle aus und zeigt diese asiatische Undurchdringlichkeit. Gesetze zählen nicht, dafür ist gnadenlos der Druck der Gesellschaft, der die Menschen ängstigt und in die Isolation treibt. Schon deine Geburt verpflichtet dich: Du musst den Eltern Dankbarkeit erweisen. Jede Handlung hat auch öffentliche Bedeutung, und so leben die Japaner »wie in einem Käfig«, wie Angela Terzani schreibt.
Die Hälfte der jungen Japaner leidet unter Einsamkeit, andere unter den hohen Erwartungen, die in sie gesetzt werden. Vom jüngsten Alter an müssen die Kinder funktionieren und bis zur Erschöpfung lernen. Bestnoten braucht es, um einen guten Job zu bekommen. Manche zerbrechen an diesem Druck. Japan hat eine hohe Selbstmordquote. Die von Korea ist noch höher. Südkorea entwickelte sich nach 1953 (nach dem Korea-Krieg) in 3 Jahrzehnten von einem Agrarstaat zu einem »asiatischen Tiger«, doch auch hier sind die Kosten von Fortschritt und Wohlstand enorm. Die Jungen zogen in die Städte, die Alten blieben allein auf den Dörfern zurück.
Angela Terzani lebte mit Tiziano von 1985 bis 1990 in Tokio, und es war die Blütezeit der japanischen Wirtschaft, und um 1990 meinte man, nun würden sie sich die ganze Welt kaufen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts, genauer seit 1868 hatte die Insel im Fernen Osten den Westen kopiert – und unerhört erfolgreich, nachdem sie tausend Jahre in völliger Abgeschiedenheit verbracht hatte. Alles hatte Japan zuvor von China übernommen. Doch dann warfen sie dies alles weg, um im Zeichen des Westens Weltmeister zu sein. Viele Bücher wurden damals veröffentlicht, die Japans Aufstieg zur Wirtschafts-Weltmacht priesen. (Bild rechts: Lichtermeer Tokio. Wikimedia Commons)
Und dann, was geschah? Eine Immobilienblase platzte, die Währung verlor an Kraft, 1997 gab es in Asien eine schwere Wirtschaftskrise und 2008 eine nächste. und Japan verlor seinen Spitzenplatz, sackte ab auf Platz vier und wurde unlängst als Wirtschaftsnation sogar von Deutschland überholt. Japan beklagt drei verlorene Jahrzehnte. So kann es gehen.
In Tokio, diesem gigantischen sprudelnden Business- und Entertainment-Moloch, lebt fast ein Drittel aller Japaner. Und dann erlebte die Insel in den vergangenen zehn Jahren auch noch einen Zustrom von Touristen, auf den sie nicht richtig eingestellt ist. Soweit mein persönlicher Nachruf auf Japan.
Die Bilder oben sind von Taiso Yoshitoshi (1839-1892). Dank an die Library of Congress, Washington, D. C.
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