Sappho

Sappho musste einmal drankommen, sie war ja eine Verfechterin der Liebe unter Frauen und die erste Dichterin überhaupt, deren Werke Verbreitung fanden. Ich las endlich das Trauerspiel Sappho von Franz Grillparzer (1791-1872) und werde heute und morgen ein paar Sappho-Gedichte vorführen, die Salvatore Quasimodo so schön übersetzt hat. 

Man will nicht so viel über Sappho schreiben, weil das einem abgedroschen vorkommt. Man will nicht wiederholen, was andere großmächtig hingezaubert haben. Man weiß nicht viel über sie. Schon ihr Geburtsdatum ist unklar, hier kam Sappho 630 vor Christus zur Welt, dort um 620, dann wieder 612, nur das Todesdatum ist klar: 570. Nur 7 Prozent ihres Gesamtwerks sei auf uns gekommen (woher man das weiß?), und von manchen Gedichten sind nur ein paar Wörter überliefert. Die Poetin lebte auf der Insel Lesbos und scharte eine Gruppe von Frauen und Mädchen um sich, die sie unterrichtete.

Es ranken sich Legenden um sie. Aus Liebe zu dem schönen Fährmann Phaon, die unerwidert blieb, soll Sappho sich von einem Felsen gestürzt haben. Das ist die Handlung von Grillparzers Trauerspiel, das 1818 in Wien uraufgeführt wurde. Es war darüber zu lesen, doch hätte ich auch nichts gelesen, so hätte ich mir meinen Teil gedacht: Nämlich, dass der gute Grillparzer (auch wenn er jung war, als er es schrieb) Sappho herüberholen wollte ins Hetero-Lager: Stirbt aus Liebe zu einem Mann. Vielleicht haben sich Männer lang nach Sappho diese Geschichte ausgedacht.

 

In Grillparzers Sappho kehrt die Poetin triumphal aus Athen zurück, mit dem Lorbeerkranz auf dem Haupt, und mitgebracht hat sie sich den schönen jungen Phaon (sie ist 40 oder 50, er vielleicht 25 Jahre), den sie als ihren Partner einführt und anschwärmt, und er schwärmt zurück. Dann wird es kolportagehaft. Schon in einer der nächsten Szenen erspäht Phaon im Garten eine Sklavin, die 15-jährige Melitta, umgarnt sie und küsst sie. Sappho überrascht die beiden. Au weh!

Melitta taucht am nächsten Tag schön geschmückt auf, und da erleben wir schon den Tiefenpsychologen Grillparzer, der die eifersüchtige Sappho sagen lässt:

So viele Hüllen deuten auf Verhülltes.

Melitta ist »so bräutlich angetan«, vermutlich ist sie verliebt. Sappho zürnt: »Falsche Schlange!« Phaon nennt sie »geliebter Verräter«. Schnell spitzt sich die Lage zu. Sappho weist Rhamnes an, Melitta sogleich auf die Insel Chios zu schippern, weit fort; doch Phaon ist zur Stelle, greift ein, fährt selber mit Melitta los, wird gestellt und zurückgebracht. Phaon liebt also Melitta, und Sappho tobt: »Undank! Undank!« Hat sie doch Melitta unter ihre Fittiche genommen und dann Phaon auch, und so undankbar beweisen die beiden sich! Leidenschaften toben, und dann: der Sprung hinunter.

Das ist irgendwie simpel gestrickt und unbefriedigend. So erinnert zu werden, hat die Poetin nicht verdient. Spätere Grillparzer-Stücke sind gut durchkonstruiert, doch das hier ist einfach enttäuschend. Schwamm drüber, Strich drunter.

Fangen wir mit ganz kurzen Gedichten der Poetin an, die ich aus dem Italienischen (Quasimodos Version) übersetzt habe, Im Italienischen heißt sie einfach Saffo.

Für Gòngila

O meine Gòngila, ich bitte dich,
leg deine blütenweiße Tunika an
und trete vor mich hin: um dich 
schwebt das Liebesverlangen. 

So geschmückt, machst du zittern, wer dich sieht;
und ich genieße das, weil deine Schönheit
Aphrodite herausfordert.   

Jugend 

»Jugend, Jugend, du verlässt mich, wohin gehst du?«
»Ich kehre nicht mehr zu dir zurück, nie mehr kehre ich zurück.«

Morgen noch ein paar Gedichte von Sappho.

Das Bild rechts ist von Miquel Carbonell i Selva (1854-1896): Sapphos Sprung

 

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