Das Gespenst von Canterville
Der Ire Oscar Wilde (1854-1900), Prototyp des Dandy und des Homosexuellen, war ein produktiver Schriftsteller mit Humor und auch viel Herz. Am bekanntesten wurde sein Roman Das Bildnis des Dorian Gray, doch daneben verfasste er auch ergreifende Märchen und Erzählungen. Das Gespenst von Canterville folgt unser Geister-Erörterung von gestern.
Wilde stellte die Dinge gern auf den Kopf und bürstete alles gegen den Strich. Gespenst ist natürlich nur ein anderes Wort für Geist, und bei Oscar Wilde ist der Geist eben ein erdgebundener Toter. Erster Satz:
Als Hiram B. Otis, der amerikanische Gesandte, Canterville Chase kaufte, sagte ihm jedermann, dass er etwas sehr Törichtes tue, da kein Zweifel bestand, dass es in dem Schloss spuke.
Der Geist gibt sich Mühe, die neuen Bewohner abzuschrecken, doch es handelt sich um pragmatische Amerikaner, die Blutflecke gleich wieder wegwischen und sich nicht um den eingesessenen Bewohner scheren, den der Hausherr sogar eines Nachts vor der Tür erblickt.
Gerade sich gegenüber sah er da im blassen Mondlicht einen alten Mann von gruseligem Aussehen stehen. Seine Augen waren so rot wie glühende Kohlen, langes graues Haar fiel in wirren Strähnen über seine Schultern, seine Kleider, die einen altertümlichen Schnitt hatten, waren schmutzig und zerrissen, und von seinen Handgelenken und Knöcheln hingen schwere, rostige Hand- und Fußschellen.
Und was sagt Hiram Otis? Er werde gleich einmal diese Ketten ölen müssen. Der Geist hat keine Worte. Einige Tage danach sieht Virginia, das hübsche und vorwitzige Töchterlein von Otis, die Tür zum Geheimzimmer offen, geht hinein – und da sitzt der Geist. Sie, nicht faul, geht ihn gleich an: Er solle sich anständig aufführen, dann könne er bleiben. Immerhin habe er seine Frau getötet. Das gibt der Geist zu und ergänzt, danach habe man ihn allerdings verhungern lassen. Virginia bietet ihm ein Ticket nach Amerika an, was er ablehnt, und als das Mädchen gehen will, fleht der Geist.
»Oh, gehen Sie nicht, Miss Virginia, bitte«, rief er. »Ich fühle mich so verlassen und unglücklich, und ich weiß beim besten Willen nicht, was ich tun soll. Ich möchte schlafen gehen und kann nicht. … Seit dreihundert Jahren habe ich nicht mehr geschlafen«, sagte er traurig. … »Armer, armer Geist«, murmelte sie, »haben Sie denn keinen Platz, wo Sie schlafen können?«
Er nennt den kleinen Garten hinter den Fichtenwäldern, den Virginia kennt: den Garten des Todes. Der Geist sehnt sich nach dem Frieden des Todes, und eine Prophetie sagt, die Tränen eines blonden Kindes würden Canterville Frieden bringen. Was bedeuten diese Worte?
»Sie bedeuten«, sagte der Geist traurig, »sie bedeuten, dass Sie für mich, für meine Sünden weinen müssen, denn ich habe keine Tränen, dass Sie mit mir für meine Seele beten müssen, denn ich habe keinen Glauben, und dann, wenn Sie immer freundlich und fromm und sanft gewesen sind, wird der Todesengel Erbarmen haben. Sie werden fürchterliche Gestalten in der Dunkelheit sehen, und verwerfliche Stimmen werden in Ihre Ohren flüstern, doch sie werden Ihnen nichts zuleide tun können, denn gegen die Reinheit eines Kindes vermögen die Mächte der Hölle nichts.« … »Ich fürchte mich nicht«, sagte sie fest, »und ich werde den Engel bitten, dass er sich Ihrer erbarme.«
So geschieht es. Der Geist küsst ihre Hand, sie gehen durch das dämmrige Zimmer, umschwärmt von unheilvollen Kreaturen, und eine Wand vor ihnen zergeht plötzlich wie Nebel, eisiger Wind tritt auf, und das Geheimzimmer ist plötzlich leer.
Sie erklärt später der Familie alles und führt sie durch einen verborgenen Weg. Eine Tür schwingt auf.
In die Wand war ein riesiger eiserner Ring eingelassen, und daran war ein elendes Gerippe gekettet, das der ganzen Länge nach auf dem Steinboden ausgestreckt lag … Virginia kniete an der Seite des Gerippes nieder, faltete ihre kleinen Hände und fing still zu beten an …
Draußen im Mondlicht bemerkt jemand, dass der alte dürre Mandelbaum Blüten trage.
»Gott hat ihm vergeben«, sagte Virginia ernst, und sie stand auf, und ein herrlicher Glanz schien ihr Antlitz zu erhellen.
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