Niedereggenen – und Peking
Hier kommt eine etwas kuriose Geschichte, in dem das Eggener Tal bei Kandern und Peking eine Rolle spielen. Ich habe da zwei Motive zusammengemischt, und das musste einfach sein. Im Hintergrund steht Peking, wo ich noch nie war und der Schweizer Schriftsteller Max Frisch wohl auch nicht. Peking ist nur eine Chiffre – wie Sansibar und Samarkand.
Meine Lieblingsrunde mit dem Rennrad führte immer über Badenweiler und Kandern, doch seit mir Michael einen netten Witz über Eggenen erzählt hat, schwenke ich immer ab und fahre hinunter, durchquere erst das beschauliche Obereggenen und dann das nicht weniger beschauliche Niedereggenen. Das Tal ist im April zur Kirschblüte besonders anziehend. Nach 3 Kilometern folgt der Ort Liel, nach 7 Kilometern Schliengen. Nun zu dem Witz. Wenn ich ihn nur so gut erzählen könnte wie Michael damals!
Ein Landwirt aus dem Eggener Tal hat in einem Preisausschreiben einen 3-wöchigen Aufenthalt in Peking gewonnen. Man sagt ihm nach den ereignisreichen Wochen, der Rückflug sei schon bezahlt, nur buchen müsse er ihn selber. Der Mann stellt sich also an einen Schalter am Pekinger Flughafen und sagt:
»Ich möchte nach Deutschland fliegen. Hier mein Gutschein.«
Der Mitarbeiter schaut ihn sich an und fragt:
»Wohin wollen Sie?«
»Nach Frankfurt. Dann nehme ich den Zug nach Freiburg.«
Mitarbeiter: »Wohnen Sie in Fleiburg?«
Landwirt: »Na ja, nicht direkt … südlicher davon.«
Mitarbeiter: »Wo südlich?
Landwirt: »Bei Kandern. Aber nicht direkt.«
Mitarbeiter: »Nicht dilekt? Wo genau?«
Landwirt: »Na ja, kennen Sie sicher nicht, im Eggener Tal …«
Mitarbeiter: »Obeleggenen oder Niedeleggenen?«
Nun musste ich doch lachen. – Ich fuhr also Ende Mai durch beide Orte, und in Niedereggenen haben sie ein Regal mit Second-Hand-Büchern. Ich kramte herum und fand Bin oder Die Reise nach Peking von Max Frisch, 1945 geschrieben, 120 Seiten nur. Das liest du zu Hause, sagte ich mir, auf dem Balkon. Da war ja Peking wieder, das war ein Zeichen! Peking und Niedereggenen! 1945 war Frisch 34 Jahre alt und musste in einem Bataillon Dienst tun. Der Krieg kam ja nicht in die Schweiz, es war nur langweilig. Zu Hause war Rapunzel geblieben, seine Frau, und sie war schwanger.
Da tritt Bin auf. Bin ist ein Geist, mehr sagt der Erzähler nicht über ihn. Bin raucht gern und klopft immer seine Pfeife aus. Plötzlich lehnt er auf der Chinesischen Mauer und fragt: »Gehen wir?« Sie wollen nach Peking. Der Erzähler sieht nun einen Mönch und folgt ihm und erzählt Bin später, es sei gewesen wie damals, der Mönch habe ihm Oliven gegeben, er habe ihm immer schreiben wollen … Er tanzt mit einem jungen Mädchen, Maja, und lernt sie kennen, was ihm früher nicht gelungen war. Er kann mit dem Maler Holder reden, den anzusprechen er zu Lebzeiten nicht geschafft hatte.
Auf dem Weg nach Peking repariert also er, der angehende Architekt, Sachen seines Lebens und sieht auch, o wei, wie ungut ein Palast wurde, den er geplant hatte. Zwischendrin philosophiert er herum, auf Frisch-Art über den Menschen und sein Wesen: Warum so viele sonderbar seien, warum jeder geschätzt werden wolle. (Heute, 80 Jahre später, ist das noch viel stärker. Lauter kleine Egos, die sich aufblasen.) Bins wunderbare Antwort:
Ich glaube fast, es fehlt euch allesamt ein wenig der liebe Gott, nichts weiter. Nirgends aufgehoben, sehnt jeder sich nach der sicheren Achtung von seiten der Menschen – so sehr, so dringlich und aufdringlich, dass er alles darüber vergisst, sogar seine natürliche und vorhandene Liebe zu ihnen, das, was ihn allein von seinem dürren Ehrgeiz befreite. Ehrgeiz ist ja auch nur ein Geiz, und nichts, da hast du recht, nichts macht uns so einsam voreinander wie unser Ehrgeiz. Es fehlt so ein Ding, das die Achtung wohl aller besäße, eine zweifellose und gemeinsame Achtung für jeden Fall. Dann erst könnten wir wie Männer und freie Geister, nämlich sachlich und liebend, über die Dinge sprechen, sogar über die eigenen … ich glaube wirklich, es fehlt uns nur am lieben Gott.
Schließlich klopft ihm der Tod auf die Schulter. Er müsse jedoch nicht sterben, wenn er einen fände, der für ihn bürge … Und sein Vater springt ein, sein bereits verstorbener Vater. So wird es eine Nahtod-Geschichte, eine Rückkehr-ins-Leben-Geschichte. Der Soldat und Architekt sieht ein, dass er Peking nie erreichen werde (da denken wir an Kafka), kommt heim und schließt Weib und den gerade geborenen Sohn in die Arme.
Peking als Zauberwort. Auf dem Weg nach Peking lernt er viel, und wäre man erst einmal dort, käme vielleicht das ganze Leben in Ordnung. Das sage ich, das wird in Frischs Erzählung nicht einmal angedeutet; aber Peking könnte unserem Jenseits entsprechen.
λ Ρ Κ
Der Landwirt jedoch war tatsächlich in Peking, auch wenn das erfunden ist; und wäre er dort gewesen, es könnte ihm so irreal vorkommen wie uns die vergangene Woche. Er steigt in Müllheim im Markgräflerland aus dem Zug und setzt sich in den Bus 644, der 5 Minuten später startet und 30 Minuten bis Niedereggenen braucht. Vielleicht schaut er in das Bücherregal und nimmt Bin oder Die Reise nach Peking mit: Dann geht er gemächlich hoch nach Obereggenen, setzt sich in den Hirschen, bestellt ein Viertel Weißen und fängt an zu lesen.
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