Der erste Kreis der Hölle
Mit der Hölle ins 15. Jahr manipogo? Kein gutes Omen. Aber es bedeutet ja nur, dass wir auch weiterhin den schlimmen Sachen unserer Vergangenheit Raum geben; und dank großartiger Autoren können wir uns einfühlen in alles, was Menschen erdulden mussten. Alexander Solschenizyn ist so ein Autor, und der Titel ist ein Buch von ihm aus dem Jahr 1964.
Unser Leben ist wie ein Buch. Alles, was wir gelebt haben, ist darin aufgezeichnet. Die bisher letzte Seite entspricht der Gegenwart, und wir schreiben unbeirrt daran weiter. Ein Buch jedoch muss einen Schluss haben. und wir konzentrieren uns auf die letzte Seite von Der erste Kreis der Hölle, der 750 intensive Seiten vorangingen, und zitieren gleich.
Von den 261 Häftlingen der Scharaschka, einer Versuchsstation zur Erfindung eines Geräts zur Sprach-Chiffrierung und -Dechiffrierung, werden 20 entfernt und deportiert. Unter ihnen sind Rusjka Doronin, Gleb Nershin und Ilja Choroborow, die wir näher kennengelernt haben. Das Fahrzeug ist gemeinhin der schwarze Rabe, ein schwarzer Lieferwagen. In der DDR transportierte ein weißer Barkas 1000 (siehe unten) die Gefangenen.
Unrechts-Regimes lügen und betrügen. Der Wagen, der 1949 die 20 eingepferchten Menschen durch Moskau fuhr, war zur Tarnung orange-blau angestrichen und trug die Aufschrift Fleisch. Und der Korrespondent einer französischen Zeitung vermerkt: »Die Ernährungslage ist sehr gut.« Damit endet das Buch.
Vorher hatte Chroborow gesagt, es sei ja wohl die Hölle gewesen. Doch Nershin antwortet kühl:
Nein, Ilja Terenjitsch, das ist nicht die Hölle. Das nicht. In die Hölle fahren wir erst.
Wir
kehren in die Hölle zurück. Die Scharaschka ist lediglich der höchste, beste, oberste Kreis der Hölle. Sie ist – beinahe das Paradies.
Den ersten Kreis hat er aus Dantes Göttlicher Komödie, die 1220 vollendet wurde. Der Autor gibt das Gesamtbild.
Ja, auf sie warteten die Taiga und die Tundra, der Kältepol von Oj-Mijako und die Kupferminen von Dsheskasgan, Pickel und Tragbahre, Hungerrationen feuchten Brotes, Krankenbaracke und Tod! Auf sie wartete nur das Allerschlimmste.
In ihren Herzen aber war Friede.
Sie hatten die Furchtlosigkeit von Menschen gewonnen, die alles, aber auch alles verloren haben – eine Furchtlosigkeit, die schwer zu erringen, aber von Dauer ist.
Oben rechts ein Gemälde von Kondraschow, das im Buch beschrieben wird: Ein Reiter sieht jenseits eines Felsspalts am Himmel die Gralsburg: das Paradies. Ich habe es mit meinen bescheidenen Mitteln nachgeschaffen.
Stalin, der gefeierte Vater der Völker, passte nahtlos an die Seite der Nazis. Er ließ 6 Millionen Kulaken verhungern und regierte durch Angst. 1,5 Millionen Menschen wurden 1937/38 verhaftet, fast 700.000 gleich erschossen. 20 Millionen wurden in den eiskalten Norden und Osten verschickt. Die 20 Deportierten hatten vielleicht Glück, denn am 5. März 1953 starb das Ungeheuer Stalin, und Tauwetter setzte ein. Urteile wurden annulliert (es gab pauschal schnell mal zehn Jahre plus 5 Jahre Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte; oder gleich 25 Jahre). Nikita Chrustschow rechnete 1956 mit Stalins Exzessen ab. Er durfte bis 1964 regieren. Dann kam Breschnew.
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