Spaziergang nach Syrakus (2)

An zwei Vormittagen hatte ich Seumes Buch durch, allerdings beließ ich es beim Hinweg; denn von Syrakus ging er ja auch wieder zurück mit dem kleinen Umweg Paris. Er mag damit 6000 Kilometer zurückgelegt haben, auch wenn er zuweilen die Postkutsche nahm und auch das Schiff. Er redete davon, ein Mann sein zu wollen.

Johann Gottfried Seume kam am 29. Januar 1763 in Posern bei Lützen zur Welt, studierte, diente m Krieg bei den Russen, wo er Stabsdienste übernahm, und als er losmarschierte, war er fast 39 Jahre alt. Sein Buch Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 machte ihn schlagartig berühmt. Es erlebte im 19. Jahrhundert 15 Auflagen und ist bis heute die erfolgreichste Schilderung einer Italien-Reise.

Seume war ein soldatischer Mensch mit Neigung zur Askese und nur 1,55 Meter groß. Er war selten krank, doch dann überfiel ihn ein Nieren- und Blasenleiden, an dem er im Juni 1810 starb, 47 Jahre alt. Sein Leben bestehe aus Fragmenten, sagte er einmal.

Am 9. Dezember 1801 der Aufbruch. Erster Satz:

Ich schnallte in Grimma meinen Tornister, und wir gingen.

Mit einem Kameraden nach Böhmen, Prag und dann nach Wien. Die 7 Meilen nach Prag in 10 Stunden! Damals galt eine Meile 7,5 Kilometer! (Rechts ein Tornister. Wikipedia)
Eine Bemerkung:
»Je mehr Gesetze, desto weniger Gerechtigkeit. Wir wollen keine Gnade, wir wollen Gerechtigkeit.«
Am 14. Januar schreibt er in Graz: »Im Januar immer ehrlich zu Fuß gegangen.«
Hierzu, was meine Mutter aus seinem Buch aufnotierte (rechts oben die Anmerkung!):

Er muss seine Hemden waschen und manchmal seine Stiefel neu besohlen lassen. Einmal wurde er schwer krank in einem Zimmer, das frisch geweißelt worden war. Die Dämpfe!
Er schreibt, dass er »gar nicht frühstücke, erst nach ein paar Stunden« (wie ich es halte).
Er überquert die Alpen. »Berge als Zufluchtsort allen Gesindels.« Über Udine nach Venedig, wo er 9 Tage bleibt. Er sieht viel Armut und Bettelei. Überall geht Seume ins Theater. Manchmal auch in kleine. In deutschen missfällt ihm das andauernde Küssen. Manchmal ist Seume mürrisch und bissig. Doch liest er Homer und Juvenal.
Sah der Spaziergänger in Venedig österreichische Soldaten, so sind es in Ferrara französische. Und noch weiter südlich sind es Spanier, erst 60 Jahre später wird Garibaldi mit Freiwilligen das Land befreien.

In Bologna muss Seume (wie in allen Städten) zur Polizei, die seinen Pass signiert und ihn durchsucht. Wollte man damals etwa durch Deutschland reisen, stieß man immer wieder an die Grenze eines Fürstentums oder die Mauern einer Stadt. Bologna: »Unreinheit, die an Schweinerei grenzt«. In Imola Mummenschanz, es war Februar, Karneval, überall Lärm und Musik. Schlechtes Wetter, er nimmt ein Fuhrwerk. Dann wieder am Meer entlang. Cesena, über den Rubikon, Rimini, Pesaro. Frage an einen Mann: »Wo kann ich wohnen, mein Herr? – Bei mir.«

Der Hafen von Ankona. Manchmal wird er schlecht verpflegt, manchmal übers Ohr gehauen. In den Wäldern hausen Banditen, doch Seume ist schlecht gekleidet, und er sagt: »Um nichts bringt man niemanden um.« Sonst hat er etwas für die einfachen Leute übrig. Oft gibt er Bettlern etwas. Foligno liegt schön im Tal, in Spoleto alles voller Trümmer, dann schlechte Straßen, »an der Tiber alles öde und wüst«. Rom. Er hat einen Empfehlungsbrief an Kardinal Borgia. 2 Tage.

Er sagt einem, dass er »von Leipzig nach Agrigent tornistern wollte«. Das Schloss von Kaserta, in Neapel Klaras Kloster, Virgils Grab. Mit dem Schiff in 36 Stunden nach Palermo. Oft am Meer entlang. Seume achtet auf die cattiva gente (die Banditen). Muss in Gela in einem Zimmer auf Weizenspreu schlafen. Er sieht den Ätna, den er später besteigt. In Augusta »geht man irre« (wie ich, 2014, es war einsam, mir war unheimlich). Ein Mauleseltreiber bringt ihn weiter. Dann Syrakus. Das Ziel.

9 Monate nach Aufbruch ist er wieder bei seiner guten alten Mutter in Posern. Was für ein Abenteuer! Im Sommer 1805 reiste er über Warschau nach Moskau und zurück durch Skandinavien. Überall schilderte er getreulich, was er sah und warb für die Freiheit, wollte das Gute und Wahre. Ein aufrechter Mann!

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