Charivari und Wilde Jagd

Ein Halloween-Beitrag musste her. Das Gedicht vom Totentanz, immerhin von Goethe, verwarf ich. Zehn Minuten später hatte ich eine Lösung. Wenn du dein Fach kennst und weißt, was du sagen willst, bist du schon nahe dran. Ich dachte an die Kinder und Jugendlichen, die heute von Haus zu Haus gehen. Und landete beim Charivari.

Charivaris sind seit dem frühen 14. Jahrhundert bezeugt, und das in ganz Mitteleuropa. In England gab es das Phänomen noch im 19. Jahrhundert. Jugendbünde und Kinder rotteten sich auf den Dörfern zusammen, gaben sich militärische Abzeichen und liefen durchs Dorf, um vor den Häusern bestimmter Personen mit allen möglichen und unmöglichen Instrumenten (Pfannen, Rasseln) einen Höllenlärm zu veranstalten. Manche trugen Teufelsmasken.

Man meint, sie konnten sich so abreagieren (wie im Karneval) und für die Ordnung im Dorf eintreten. Das Wort geht auf das spätlateinische caribaria zurück, das Kopfschmerz bedeutet. Im Französischen hieß Charivari dann einfach ein Durcheinander.

Heute fällt einem dazu nur die alemannische Guggemusik ein, deren Mitglieder stolz darauf sind, unharmonisch und vor allem laut zu spielen. Chaos ist die Devise. Einmal standen Guggemusiker vor unserem Haus im Osten St. Gallens. Lange her.

Die lebenden Zielscheiben von Charivari waren etwa Ehemänner, die ihre Frauen misshandelten oder ihnen untreu waren, unbeliebte Prediger, böse Polizisten und Arbeiter, die zu viele Überstunden machten. Gern lärmte man vor den Fenstern von Witwen und Witwern, die sich wiederverheiratet hatten – denn sie nahmen den anderen mögliche Partner weg. Damals gab es Epidemien und Kriege, das »Material« an Männern und Frauen war beschränkt.

Auf manipogo kamen ein paar Male Heere von Geistern vor, von denen die Volkssagen berichteten. Um 1140 wurde eine Geschichte veröffentlicht, die sich 1091 zugetragen haben soll. Ein Priester hörte in einer Januarnacht Getöse und sah Frauen und Männer, die anscheinend gereinigt wurden. Es waren Äthiopier, wolllüstige Frauen, Kleriker und Soldaten. Er hielt den Trupp, der entsetzlichen Lärm machte, für vorzeitig Gestorbene, die sich etwas zuschulden hatten kommen lassen. Man nannte das die »Wilde Jagd« oder das »Wütende Heer«, angeblich Seelen, die eine Reinigung nötig hatten. Bald danach wurde von der Kirche die Doktrin des Fegefeuers verkündet.

Die „Wilde Jagd von Odin“, Gemälde von Peter Niclai Arbo (1831-1892), 1872. In der Nationalgalerie in Oslo

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Dies verdanken wir dem italienischen Historiker und Soziologen Carlo Ginzburg, der erst am 17. Juni gestorben ist, 87 Jahre alt. Sein 16-seitiger Aufsatz Charivari, Jugendbünde und Wilde Jagd. Über die Gegenwart der Toten führte zu diesem Beitrag. Er meinte, die Wilde Jagd habe die Vorlage für das Charivari geliefert, deren Teilnehmer sozusagen die wilden Toten spielten. Ginzburg schreibt:

Die früheste Phase in der Geschichte des Charivari bezeugt ein äußerst wichtiges Phänomen: die Anwesenheit der Toten in der Gesellschaft des vorindustriellen Europas. Für uns heute existieren einzelne Tote, mit denen wir im Leben (…) verbunden gewesen sind; oder es existiert ein abstrakter Begriff wie »der Tod«. Damals fühlten sich die Lebenden durch eine Reihe von Beziehungen … mit einer wahrhaften Gemeinschaft der Toten verbunden. Die Wahrnehmung dieses Verbundenseins fand ihren dauerhaften Ausdruck im vielgestaltigen Mythos der »Wilden Jagd«. Durch ihn äußerte sich der angstbesetzte Schrecken, in den Schlund der Nicht-Lebenden hinabgezogen zu werden – und wurde so in gewisser Weise gezähmt. 

Auch die Naturvölker hatten Angst vor einer Rückkehr der Toten, sie sich vielleicht rächen wollten. Man versperrte ihnen den Rückweg oder bot ihnen Speisen an. Markerschütternder Lärm konnte sie auch abschrecken.

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Dazu noch das Gedicht Chor der Toten von Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898):

Wir Toten, wir Toten sind größere Heere
Als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere!
Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten,
Ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten,
Und was wir vollendet und was wir begonnen,
Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen,
Und all unser Lieben und Hassen und Hadern,
Das klopft noch dort oben in sterblichen Adern,
Und was wir an gültigen Sätzen gefunden,
Dran bleibt aller irdische Wandel gebunden,
Und unsere Töne, Gebilde, Gedichte
Erkämpfen den Lorbeer im strahlenden Lichte,
Wir suchen noch immer die menschlichen Ziele –
Drum ehret und opfert! Denn unser sind viele!

 

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