La Loba, die Wölfin
Ich finde Ordnung ja auch wunderbar, auch wenn ein Mensch des anderen Geschlechts mich als erzschlampig und achtlos den Dingen gegenüber bezeichnet. Am 15. Juni vor einem Jahr hatten wir etwas über Wiederauferstehung, also kommt ein verwandter Artikel am selben Tag in diesem Jahr ins Programm. Behandelt wird La Loba, deren Wirken Clarissa Pinkola Estés in ihrem Buch Die Wolfsfrau von 1993 vorstellt.
Erst etwas vom Urtext:
La Loba
Es gibt eine alte Frau, die an einem verborgenen Ort lebt, den alle kennen, der aber nur wenigen Menschen zugänglich ist. Die Alte sieht wüst aus und wird oft als über und über behaart und ziemlich fettleibig beschrieben. … Die Alte hat viele Namen: La Huasera, die Knochenfrau, La Trapera, die Fängerin, aber vor allem wird sie La Loba genannt, die Wolfsfrau.
Sie lebt in der Nähe von La Paz im Indianergebiet von New Mexico, kriecht umher und sammelt Tierleichen und Knochen. Vor allem Knochen von Wölfen, die sie liebt, sammelt sie. Und wenn sie ein vollständiges Skelett zusammen hat, lässt sie ihre Hände darüber schweben und singt. Mit erhobenen Armen steht sie da und singt, was ihr für dieses eine tote Tier eingegeben wird. Dann wird eine Spur von Fleisch sichtbar, und Haut und Fell überziehen bald die Knochen, und ein Wolf nimmt zusehends Gestalt an.
La Loba singt weiter, inbrünstig weiter, bis der Wolf zu atmen beginnt. Lauter und lauter wird ihr Gesang, so tief, dass die Bergwände zittern, und während sie so herrlich singt, öffnet der Wolf seine gelben Augen, springt auf und rast durch den Canyon davon.
Auf und davon. Nur wer Augen hat, die das Geschöpf bis zum fernen Horizont verfolgen können, sieht, dass es sich von einem Moment zum anderen wieder verwandelt und die Gestalt einer Frau annimmt – einer Frau, die sich laut auflachend schüttelt und hinter dem Horizont verschwindet.
Da wird also eine Auferstehung von den Toten erzählt. Aber so einfach ist das nicht. Clarissa P. Estés analysiert, was wir gelesen haben:
Jede von uns ist die Wolfsfrau und zugleich auch das Knochenbündel, das irgendwo in der psychischen Einöde verendet ist und unter Sandschichten begraben liegt. Zu singen bedeutet, die Stimme der tiefsten Seele ertönen zu lassen. Über den Knochen zu singen bedeutet, dem Abgestorbenen, den Überresten, dem Verwundeten und Kaputten neues Seelenleben einzuhauchen.
Diese Tiefenarbeit müssten wir alleine leisten; niemand kann das für uns tun. Die Weise Frau sei ein Archetypus der Menschheit. Sie ist Durga bei den Hindus und Hekate bei den Griechen. Die Autorin:
La Loba, die Weise Alte, existiert in jeder Frau. Sie bewohnt den Raum unserer Psyche, wo das Instinktive, das noch Ungezähmte und Wildnatürliche, in den bewussten Verstand übergeht. Ihr Zuhause ist der Punkt, an dem das Ich und das Du miteinander verbunden sind, wo der Geist einer Frau in Gestalt einer Wölfin der Freiheit entgegenstrebt.
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