Der fromme Ritter
Ohne fleißige Sammler hätten wir nicht diesen sagenhaften Märchenschatz, und noch vor den Gebrüdern Grimm war es Ludwig Bechstein (1801-1860), der Märchen aufspürte und niederschrieb. Ich habe kürzlich ein 800-seitiges Buch mit seinen Märchen bekommen, es rasch aufgeschlagen und ein kurzes gefunden, das ins manipogo-Programm hinein muss.
Bechstein war auch Archivar und Bibliothekar (wie Lessing), und das sind die richtigen Berufe, um suchen und sammeln zu können. Ich hab’s aus dem Gutenberg-Reservoir, also musste ich es nicht abschreiben.
Der fromme Ritter
Es war einmal ein tapfrer Rittersmann, er war gar ehrbar und fromm, mannlich im Streite, gottesfürchtig daheim. Wenn er von seiner Burg ausritt oder zu ihr hinritt, führte ihn der Weg jedesmal über einen großen Leichenacker, auf welchem schon in uralten Heidenzeiten die Toten aus dem ganzen Gau verbrannt worden waren, deren Asche man dann in hohen Hügeln beisetzte; später war dort eine Schlacht geschlagen worden, und man hatte die in derselben Gefallenen ebenfalls an Ort und Stelle beerdigt; in der christlichen Zeit war eine Gottesackerkirche dorthin gebaut worden, und eine Anzahl nahe liegender Dorfgemeinden begrub nahe derselben, wo auch der Weg nach des Ritters Burg vorüberführte, ihre Verstorbenen. So oft nun der fromme Ritter zum Kampfe ritt oder wenn er heimkehrte, sprach er jedesmal, wenn er an der Totenkirche vorüberkam, ein Gebet für die Ruhe der Toten.
So ritt er furchtlos und gottgetrost zu jeder Tages- oder Nachtzeit über den stillen Leichenacker, im Dunkel der Nacht oder im klaren Mondscheine, der die weißen Grabsteine hell beleuchtete und mit seinem Silberschimmer die seitwärts gelegenen, uralten grünen Hünenhügel überspann.
Eines Tages war der fromme Ritter auch ausgezogen und hatte seine Geschäfte verrichtet, als ihm gegen Abend eine feindliche Schar auf seinem
Heimwege in einem Hinterhalte auflauerte und ihn plötzlich mit Macht angriff. Zwar fürchtete er sich keineswegs, zog vielmehr seine gute Wehre und verteidigte sich tapfer gegen seine Widersacher, allein er war nur ein Mann, und jener waren viele, daher blieb ihm nichts übrig als Flucht, zu der er rasch sein treues Roß wendete. Aber alsbald war die ganze Schar seiner Verfolger hinter ihm her, mit wildem Geschrei und Toben, und der fliehende Ritter musste auf Tod und Leben reiten; es war eine wilde Jagd. Da erreichte der Fliehende das Totenfeld, darüber reitend er so oft gebetet hatte »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir!«, die Worte des einhunderteinunddreißigsten Psalms, den man für die Ruhe und den Frieden der Toten betet und zur Vergebung der Sünden. Dieses Mal aber vermochte der Ritter nicht, den ganzen Psalm zu sprechen, er sprach nur in seiner Angst: »Aus der Tiefe – aus der Tiefe – «
Und siehe, da stieg es aus der Tiefe – aus den Männergräbern, scharenweis, die bleichen Gerippe, die hohen Hünen, die entschlafenen Mannen, und sie hoben bewehrte Arme und standen zwischen dem fliehenden Ritter und seinen Feinden und Verfolgern, eine beinerne Mauer, und jenen ergrausete die Seele, und die Rosse scheuten und sprangen, sich bäumend, zurück.
Sicher kam der fromme Ritter zurück nach seiner festen Burg, und nie wieder wagten seine Feinde, ihm aufzulauern. Die Toten, für die er gebetet, hatten ihn dankbar und treu geschirmt.
Ist das nicht schön? Der 131. Psalm ist, da sich die Zählung geändert hat, heute der 130., und er lautet so:
Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir. Herr, höre meine Stimme.
Wende dein Ohr mir zu, / achte auf mein lautes Flehen!
Würdest du, Herr, unsere Sünden beachten, / Herr, wer könnte bestehen!
Doch bei dir ist Vergebung, / dmit man in Ehrfurcht dir dient.
Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele. / Ich warte voll Vertrauen auf sein Wort.
Meine Seele wartet auf den Herrn / mehr als die Wächter auf den Morgen.
Mehr als die Wächter auf den Morgen / soll Israel harren auf den Herrn.
Denn beim Herrn ist die Huld, / bei ihm ist Erlösung in Fülle.
Ja, er wird Israel erlösen / von all seinen Sünden.
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