Gedenken an die „Sonderbehandlung“
Sonderbehandlung heißt das Buch, das Filip Müller geschrieben hat und das 1979 veröffentlicht wurde. Dieses Wort bekam einen furchtbaren Klang, seit die Nationalsozialisten es als Umschreibung der Tötung von Juden im Gas verwendeten. Einmal hatte Müller, der für das Krematorium in Auschwitz-Birkenau zuständig war, keine Lust mehr und schleuste sich mit den anderen in die Gaskammer ein. Er wollte sterben.
Filip Müller lässt uns an seinen Gedanken teilhaben. Der Slowake war damals 23 Jahre alt (gestorben ist er dann am 9. November 2013 in Mannheim); aber würde er jemals wieder heimkommen? Wie wäre das?
Was für eine Heimat würde ich denn vorfinden? Solche Gedanken ließen mein zukünftiges Leben leer, sinn- und nutzlos erscheinen. Es war eigenartig, ich fühlte mich in diesem Augenblick völlig frei von dem sonst so quälenden Gefühl der Todesangst, die ich schon so oft empfunden hatte. Obwohl ich noch nie den Gedanken an mich hatte herankommen lassen, freiwillig in den Tod zu gehen, war ich jetzt entschlossen, mein Schicksal mit dem meiner Landsleute zu teilen.
Bei dem heillosen Durcheinander, das an der Tür zur Gaskammer herrschte, gelang es mir, mich unter die drängende und schiebende Menge zu mischen, die in die Gaskammer getrieben wurde. Ich lief schnell nach hinten und stellte mich dort hinter eine der Betonsäulen. Hier, so dachte ich, würde ich unentdeckt bleiben, bis der Raum voller Menschen war und zugeriegelt würde. Bis es so weit war, wollte ich auf keinen Fall auffallen. Ein Gefühl der Gleichgültigkeit beschlich mich jetzt. Alles verlor seine Bedeutung, auch der Gedanke an das qualvolle Sterben durch das Zyklon-B-Gas, dessen Wirkung ich ja schon oft, wenn wir in die Gaskammer getrieben wurden, um die Leichen herauszuschaffen, für kurze Zeit zu spüren bekommen hatte, vermochte mir keine Angst und keinen Schrecken mehr einzujagen. Gefaßt sah ich meinem Schicksal entgegen.
Inzwischen war der Massengesang verstummt. An seine Stelle war klägliches Weinen und dumpfes Stöhnen getreten, die sich zu einem einzigen, wehmütigen Klagelied vereinigten. Ich sah zerschlagene und blutige Gesichter, die die Menschen fast bis zur Unkenntlichkeit verändert hatten. Angetrieben von Schlägen und bösen Hunden, drängten und quetschten sich immer noch Leute durch die Tür. Verzweifelte Kinder, die ihre Eltern verloren hatten, liefen in diesem wüsten Chaos herum, riefen mit weinerlichen Stimmen nach ihren Beschützern und versuchten, sie wiederzufinden. (…)
… bemerkte dabei, daß sich eine Gruppe von vielleicht 15 Menschen um mich scharte. Einige waren schon ausgezogen, ein paar andere hatten noch ihre Kleider an. Mit traurigen Augen, in denen sich Furcht, Verzweiflung und Angst spiegelten, sahen sie mich forschend an. Einer von ihnen sprach mich zu meiner Überraschung mit meinem Vornamen an. Als ich näher hinsah, erkannte ich den Blockschreiber Hugo Braun und den stellvertretenden Blockältesten Dr. Otto Heller. Ich hatte die beiden kennengelernt, als mich das Schlosserkommando einmal in das Familienlager mitgenommen hatte.
Mein Entschluß, heute zu sterben, ließ sich jetzt nicht mehr so realisieren, wie ich gedacht hatte. Die Menschen, die um mich herumstanden, gaben keine Ruhe, bis ich ihnen die Gründe, die mich veranlaßt hatten, mit ihnen zu sterben, erklärt hatte. Ich flehte sie an, mit niemandem hier darüber zu reden; denn ich wusste, dass es sicher noch einige Zeit dauern würde, bis die Gaskammer voll war und verriegelt wurde. So lange wollte ich auf jeden Fall unentdeckt bleiben.
Die Zeit schien ins Stocken geraten zu sein. Nur schleppend vergingen die Minuten, das Ende, die Erlösung von aller Qual war immer noch nicht abzusehen. Draußen, vor den Türen der Gaskammer, standen einige SS-Unterführer, hinter ihnen bewaffnete SS-Posten mit Hunden, die unablässig bellten. Wahrscheinlich warteten sie auf die nächste Lastwagenkolonne, die noch mehr Menschen hierherbringen sollte. Durch die offene Tür erkannte ich Schwarzhuber und Dr. Mengele, die sich reckten und über die Schultern der Posten neugierig in die Gaskammer blickten. Als man sie erkannte, erhob sich erneut Geschrei und Geschimpfe: »Ihr habt uns betrogen! Aber euer Hitler wird doch den Krieg verlieren! Dann kommt die Stunde der Rache. Eines Tages müßt ihr für alles büßen, ihr Mörder.« Solche Anklagen und Zornesausbrüche wurden den SS-Leuten leidenschaftlich entgegengeschleudert. Die Henker rührte das freilich nicht; sie blieben stumm.
Ich war wütend, daß ich in dieser Schicksalsstunde nicht eine der drei Handgranaten, die wir besaßen, bei mir hatte. Aber die Entscheidung, meinem Leben ein Ende zu machen, hatte ich ganz plötzlich und spontan getroffen. Alles war so schnell und überraschend gekommen, daß keine Zeit und keine Möglichkeit mehr bestand, noch besondere Vorkehrungen zu treffen.
In der spärlich beleuchteten Gaskammer herrschte eine bedrückende und gespannte Atmosphäre. Der Tod, das wussten alle, war in bedrohliche Nähe gerückt. Es waren sicher nur noch Minuten, die jeden hier drinnen von seinem Ende trennten. Keine Erinnerung an irgendeinen würde übrig bleiben. Dieses Schicksal hatten die Menschen vor Augen, als sie sich umarmten. Eltern drückten ihre Kinder so heftig und leidenschaftlich an sich, daß ich von Wehmut und Schmerz ergriffen wurde.
Von den Menschen, die um mich herumstanden, erfuhr ich auch, daß der junge Fredi Hirsch, der sich so aufopfernd und selbstlos um die Jugend im Familienlager gekümmert hatte, in den Freitod gegangen war. Plötzlich drängten sich einige entblößte Mädchen um mich, alle in blühendem Alter. Sie standen eine Zeitlang vor mir, ohne ein Wort zu sagen, und schauten mich an, in Gedanken versunken. Einige schüttelten den Kopf und starrten mich verständnislos an.
Schließlich fasste eines der Mädchen sich ein Herz und sprach mich an: »Wir haben erfahren, dass du mit uns zusammen in den Tod gehen willst. Dein Entschluss ist vielleicht verständlich, aber er ist nutzlos, denn er hilft keinem. Oder, wem glaubst du, daß er helfen könnte?« fragte sie zweifelnd und fuhr dann fort: »Wir müssen sterben, aber du hast noch eine Chance, dein Leben zu retten. Du musst ins Lager zurück und dort allen von unseren letzten Stunden berichten«, herrschte sie mich in einem geradezu befehlenden Ton an. »Du musst allen klarmachen, daß sie sich von jeder Illusion freimachen müssen. Sie sollten kämpfen, denn das ist besser, als hier ohnmächtig zu sterben. Für sie ist es auch leichter. Sie haben ja keine Kinder. Und du, wenn du vielleicht die Tragödie hier überlebst, erzähle allen, jedem, dem du begegnest, wie es uns ergangen ist. Und noch etwas«, sagte sie, »noch einen Wunsch kannst du mir erfüllen: die goldene Kette an meinem Hals, die nimm – wenn ich tot bin – ab und gib sie meinem Freund Sascha! Er arbeitet in der Brotkammer. Bestell ihm einen letzten Gruß von seiner Jana. Wenn alles vorbei ist, wirst du mich hier finden.«
Das waren ihre letzten Worte, bei denen sie auf eine Stelle neben der Betonsäule deutete, wo ich gerade stand.
Ich war seltsam berührt und überrascht von der harten und nüchternen Sachlichkeit, aber auch von der Anmut, mit der das junge Mädchen auf die Todesvision reagierte und sie in ihrer Phantasie verarbeitete. Bevor ich noch weiter darüber nachdenken konnte, was ich ihr antworten sollte, hatten mich die übrigen Mädchen überwältigt. Sie packten mich an meinen Armen und Beinen und schleppten mich trotz meiner Gegenwehr bis zur Tür der Gaskammer. Dort ließen sie mich los und drängten und schubsten mich mit vereinten Kräften hinaus. Ich landete mitten unter den SS-Männern, die dort herumstanden. Kurschuß erkannte mich als erster und schlug sofort mit einem Knüppel auf mich ein. Ich fiel zu Boden, und wurde, als ich aufsprang, mit einem Fausthieb erneut niedergeschlagen. Das wiederholte sich noch einige Male.
Ich fing wieder an zu denken. Seltsam, der Wille zu leben, durchströmte mich wieder. Als ich zum dritten oder vierten Mal auf die Füße kam, schrie Kurschuß: »Du Arschloch, du verdammtes, merk dir eines: wie lange du lebst und wann du verreckst, das entscheiden wir und nicht du. Hau schleunigst ab, zu den Öfen!«
(Aus: Filip Müller, Sonderbehandlung, S. 177-181)
Verwandte Artikel: