Die verstaubte Gottheit
Wer ist mit der verstaubten Gottheit gemeint? Der Begriff stammt von dem französischen Literaturwissenschaftler und Soziologen Roland Barthes (1915-1980), und genau schrieb er (in dem Buch S/Z) »die etwas verstaubte Gottheit der Alten Kritik«, und damit meinte er den Autor (und die Autorin). Die Strukturalisten proklamierten damals den »Tod des Autors«. Wir sind also nochmals bei den Büchern.
50 Jahre nach dieser Aussage ist die »verstaubte Gottheit« so lebendig wie eh und je. Die Leute lesen immer noch Bücher und wollen sich von Autoren/Autorinnen vorlesen lassen und halten sie für genial, weil die Werbung die Schriftsteller mit einer dementsprechenden Aura umgibt. Die kapitalistische Ära braucht Helden, am besten aus dem Sport, aber bloß keine Intellektuellen oder Wissenschaftler, und der Autor steht so mittendrin.
Der französische Strukturalismus war höchst abstrakt. Er sah, wie seine Benennung nahelegt, überall nur Strukturen. Alles war Text, der mit Codes geschrieben war, und unsere Umwelt war auch ein Text und wollte »gelesen« werden. So entstand die Semiotik, und Umberto Eco war ein berühmter Semiotiker. Die Codes nennt Barthes auch Stimmen, und er zählt fünf auf: die Stimme der Empirie, der Person, der Wissenschaft, der Wahrheit, des Symbols. Die Codes sind natürlich so gestaltet, dass sie (die potenziellen Käufer) nicht irritieren, und sie wollen das Leben darstellen, wie man es von der Literatur sagt. Barthes:
Das »Leben« wird dann im klassischen Text zu einer abscheulichen Mischung landläufiger Meinungen, zu einer erstickenden Schicht stereotyper Meinungen … eine fatale Bedingung der »vollen Literatur«, die von einer Heerschar von Stereotypen, die sie in sich trägt, tödlich bedrängt wird.
Es ist klar, Autor (und Autorin) ist unter Druck und wird sich anpassen; die Bücher, die wir haben, sind gesellschaftskonform. Wenige Verleger wagten es, wider den Mainstream zu arbeiten. Die meisten scheiterten, und nur wenige hatten Glück und einen Erfolg mit einem »Skandalbuch«. Im Kino ist es ähnlich. Schwierige Filme oder solche aus anderen Kontinenten bekommen Preise, aber sie kommen selten ins Kinoprogramm; der US-Blockbuster übernimmt. Die großen Konzerne mit ihren Millionen drücken ihre Produkte durch, und der Konsument sieht nicht alles, was es gibt. Gezeigt wird, was wir kennen und für das Leben halten.
Und so meint Roland Barthes, man könne eigentlich darauf verzichten, den Autor, also
seine Person zum Subjekt, zum Anschlagspunkt, zum Ursprung, zur Autorität, zum Vater zu machen, von dem aus sein Werk auf dem Weg des Abdrucks abgeleitet würde; es genügte, ihn selbst wie ein Papierwesen … zu betrachten, wie ein Schreiben ohne Referent, Materie einer Konnexion, und keiner Abstammung …
Die weltweit erfolgreichsten Autoren arbeiten mit einem Team, das ihnen die Recherche besorgt; und die Werke von Ken Follett, der 20 Mitarbeiter beschäftigt, und Dan Brown sind so einprägsam und gleichzeitig einfach geschrieben, dass sie genausogut von der Künstlichen Intelligenz stammen könnten, die vielleicht in der Zukunft die Bestseller produzieren wird. Doch einen Strohmann (oder eine Strohfrau) wird man immer brauchen, denn Literatur hängt an Menschen.
Immer noch gilt die Meinung, dass irgendwo im Privatleben eines Autoren in Ansätzen das Werk sich zeigen müsste, das ihn bekannt machte. Doch ist nicht unsere Biografie auch ein Konstrukt, eine Erfindung, die man auch anders erzählen könnte? Da sitzt also ein fehlbarer Mensch, der ein glanzvolles Werk abgeliefert hat, doch woher kommt es?
In den vergangenen zwei Jahren sind zwei Filme über das Leben von Franz Kafka entstanden, also über einen Autor, dessen Arbeiten unendlich weit weg sind von allem, was wir kennen. Die Welten, die er produzierte, waren in seinem Kopf und nur dort.
Freilich, es gibt immer wieder Überraschungen. Die Werke von Camus und Sartre sowie die von Ionesco und Beckett stehen einsam da und spotten dem bürgerlichen Denken, doch anscheinend gab es in ihren Jahren eine Denkungsweise, die sich in deren Werken wiederfand. Es wird zu allem eine Gegenbewegung geben, lassen wir die Hoffnung nicht sinken.
(Die Zitate sind aus Roland Barthes, S/Z, suhrkamp taschenbuch Wissenschaft, 1987, S. 203/209.)
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