Libussa
Jetzt fliegen wir ganz weit zurück, 1000 Jahre unserer Zeit, und landen bei Libussa, der sagenhaften Stadtgründerin Prags. Damit endet fast unser Prag-Zyklus, der nicht allzu anspruchsvoll war, wie ich hoffe. In einer Legende von 994 wird eine Wahrsagerin erwähnt, die als Maßnahme gegen eine grassierende Seuche vorschlägt, eine Stadt zu gründen: Prag.
Erst Anfang des 12. Jahrhunderts bekommt die Frau einen Namen: Libussa, wie wir sie auf Deutsch nennen. Sie heiratet den Hirten Premysl (Pschemysl zu sprechen), der eine Herrscherdynastie begründet. In ihr Buch Eine Göttin für jeden Tag hat Luisa Francia auch Libussa aufgenommen. Sie schreibt:
Libussa, die Gründerin der Stadt Prag, wurde berühmt, weil sie einerseits eine gerechte Regentin und andererseits eine mächtige Zauberin war. An die Stelle der damals üblichen Menschenopfer setzte sie Opfer aus Haaren und abgeschnittenen Nägeln, goss Bilder von Göttinnen und ließ sie überall aufstellen. Sie liebte das Land und ritt oft tagelang durch die Wälder, wo sie mit Bäumen und Vögeln sprach. Sie hatte auch ein zauberkundiges Pferd, das sie vor Feinden warnte. … Libussa und (ihre Schwester) Kascha sind Symbol dafür, wie Frauen Macht ausüben, ohne ihre magischen Fähigkeiten, ihre Freundschaft und ihre Weichheit zu verlieren.
Ob das so war und ob es Libussa überhaupt gegeben hat, wissen wir nicht. Der österreichische Schriftsteller Franz (zweiter Vorname Seraphicus, das heißt engelgleich) Grillparzer (1791-1872) schrieb 1848 das Theaterstück Libussa, das im Projekt Gutenberg ganz zu lesen ist. Hab ich natürlich gemacht.
Bei Grillparzer hat König Krokus 3 Töchter, es ist eine Lear-Konstellation, und wie bei Shakespeare ist die jüngste das Problem, weil impulsiv und darum unberechenbar. Krokus stirbt, und welche der drei soll ihm nachfolgen? Kascha und Tetka wollen nicht, nur Libussa sagt:
Des Mitgefühles Pulse fühl ich schlagen,
Drum will ich dieser Menschen Krone tragen.
Und sie betont:
Wollt ihr als Brüder Leben eines Sinns,
So nennt mich eure Fürstin, und ich bin’s!
Einem Mann sagt sie deutlich:
Warum soll sich das Weib denn minder fühlen?
Kein Sklave sei im Haus und keine Sklavin,
Am wenigsten die Mutter deines Sohnes.
Leider muss sie erkennen, dass ihr Volk einen Mann an der Spitze begehrt. Zu Beginn des Stücks hat Libussa einen getroffen, der ihr in einem Strudel das Leben rettete: Primislaus, den Hirten. Sie lässt ihm eine Kette, und später wird er diese Kette mitbringen und sich als Kandidat empfehlen. Libussa hat klargemacht, dass sie wegen ihrer hohen Stellung eigentlich nicht zu umwerben ist und auch nicht viel von Männern hält. Primislaus hat da eine Erkenntnis parat, die 70 Jahre vor Freud verblüffen kann, der sie Projektion genannt hätte:
Mein Kind, was dich die Männer heißt verachten,
Birgt etwa wohl Verachtung für dich selbst.
Libussa heiratet dann doch Primislaus, der immer zurücktritt und der perfekte Partner ist: zuvorkommend, freundlich, heldenhaft. Er möchte eine Stadt gründen (Prag soll sie heißen, die Schwelle: an der Moldau gelegen) und bittet Libussa um ihre Zustimmung. Sie solle zudem eine Opferfeier veranstalten, um das Wohlwollen des Himmels zu erbitten. Libussa, die lange krank war, fühlt sich nicht danach, Primislaus sagt also die Feier kurzerhand ab; dann will sie sie sie doch und stampft mit dem Fuß auf. Diese Frau ist anstrengend! (Links eine Postkarte aus Prag, um 1920)
Mir gefällt Grillparzers »hoher Ton«, darum muss ich so viel aus dem Stück zitieren. Libussa ist nicht gerade begeistert über die bevorstehende Stadtgründung. Sie kennt den Menschen (und was sie gleich sagt, stammt wohl vom Autor, der 1848 die Anfänge der Industrialisierung wohl sah) und prophezeit:
Durch unbekannte Meere wirst du schiffen,
Ausbeuten, was die Welt von Nutzen trägt
Und allverschlingend sein vom All verschlungen.
Aber Libussa ruft aus: »Baut eure Stadt!« Eines nicht allzu fernen Tages wird der Mensch sein Bewusstsein erweitern.
Es lösen sich der Wesen alte Bande,
Zum Ungemessnen wird, was hold begrenzt.
Ja selbst die Götter dehnen sich und wachsen
Und mischen sich in einen Riesengott,
Und allgemeine Liebe wird er heißen.
Grillparzer lebe hoch!
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