Die Geister Melanesiens

Bronislaw Malinowski (1884-1942) war ein aus Krakau gebürtiger Sozialanthropologe und einer der ersten, die auf Feldforschung setzten. Er wurde Professor in den USA. Berühmt geworden ist seine Arbeit mit den Trobriandern, die auf einer Insel Melanesiens lebten, das nordwestlich von Australien liegt. Den dortigen Totenkult hat er geschildert.

Malinowski hielt sich zwischen 1915 und 1918 zwei Jahre auf der Trobriand-Inselgruppe auf, deren 21 Insel sich auf 70 Quadratkilometer verteilen (28.000 Einwohner im Jahr 2000). Er hatte dort ein Zelt, beschäftigte einen Übersetzer und machte sich Aufzeichnungen. Malinowski hatte etwas gegen die Arbeit der Missionare dort, deren Berichte ihm nicht gefielen. Er wollte die Kultur der Einheimischen bewahren, lebte mit den Leuten und berichtete aus ihrer Sicht.

Im Internet Sacred Text Archive gibt es von ihm die Arbeit Baloma: Die Geister der Toten auf den Trobriand-Inseln (1916). Fand ich sehr detailliert geschrieben und gut nachvollziehbar. – Ich will eine Kurzfassung geben.

Baloma heißt die Seele, die nach dem Tod sich nach Tuma begibt, einer Insel etwa 15 Kilometer nordwestlich von Kiriwina. Die Seele nimmt ein Boot und klopft in Tuma auf einen Stein am Strand, den Modawosi. Der baloma ist dann unsichtbar und lebt in einer unsichtbaren Hütte. Kosi nennt man die Geister, die noch ein paar Tage in der Nähe ihrer früheren Behausung spuken. Ob sie danach zu baloma werden, weiß man nicht.

Bild von Jet Lowe, 1994. Dank an die Library of Congress, Wash. D. C.

Keiner hat Angst vor Geistern oder der Dunkelheit. Eher fürchtet man die mulukuausi, unsichtbare Zauberinnen, die sich von Aas ernähren und am Tag echte Frauen sind. Der Chef des Dorfs der Toten ist Topileta, seine Frau Boiamenia, zuständig für die weiblichen Toten. Der baloma lebt also dort unsichtbar, doch bald kümmert sich eine schöne Frau um ihn, bringt ihm einen Korb mit Betelnüssen und Gewürzen, und wenn er antwortet: kampaku, werden sie heiraten.

Auf Tuma haben viele schon Schatten gesehen oder Stimmen gehört. Ein Mann wurde aus seinem Bett gehoben und daneben niedergelegt; anscheinend haben die balomas einen Sinn für Humor. Es gibt Trobriander, die von dort Nachrichten mitbringen, manchmal gibt es auch einen Traum, und manchmal besucht ein baloma sein Heimatdorf. Was ist ein baloma? Eine Reflexion auf dem Wasser, war die Antwort. Er ist aber doch auch ein Mann? Ja. – Mehr erfährt man nicht.

Milamala ist das größte Erntefest des Jahres vor Vollmond. Da wird getanzt, und Männer tun dies auch mit Federschmuck. Das Fest dauert tagelang. Auch von anderen Dörfern trifft Besuch ein, es wird getanzt, getrommelt, gesungen, gegessen, getrunken, und man hat Sex. Am Morgen wird in den Häusern gekocht und etwas davon den baloma auf einen Teller gelegt. Dazu muss man sagen: Balom‘ kam bubualua. Manchmal fallen viele Kokosnüsse von den Bäumen. Das heißt, dass die Geister da sind, die zuweilen auch für schlechtes Wetter sorgen. (Links: zwei Männer in einheimischer Darstellung)

Am Ende des Fests, beim Vollmond, verabschiedet man die Toten an der Straße nach Tuma mit einem Gedicht.
Baloma, O!
Bukulousi, O!
Bakalosi ga
Yuhuhuhu
 . . . . .

Magie ist weit verbreitet. Um einen guten Fischfang zu erzielen, muss man balomas von Frauen anrufen. Es gibt 15 verschiedene Zauberriten mit 61 verschiedenen Formeln, und in 14 von diesen werden Ahnen erwähnt. Da hat Malinowski »wissenschaftlich gearbeitet«, indem er gezählt hat. Diese Systeme, etwa in den Totems und den Verwandtschaftsbeziehungen, hat Claude Lévy-Strauss in Das wilde Denken herausgearbeitet. Er zeigte damit, dass die »Wilden« durchaus System hatten, übertrieb es aber mit seinem abstrakten Strukturalismus.

Der baloma wird auf Tuma, seinem Jenseits, auch älter. Er schleppt sich dann ans Ufer, wirft seine Haut ab und wird als waiwaia (Embryo) einer Frau eingepflanzt. Oder er bleibt eine Weile im Meer und wird dann verschickt. Die Trobriander glauben also an die Reinkarnation, aber sie spielt bei ihnen keine große Rolle. Es gab sie eben. Manchmal träumten die Frauen und erfuhren, ihnen werde ein baloma eingepflanzt werden.

Damals, 1916, als Malinowskis Artikel in einer Fachzeitschrift erschien, hatten die Inselbewohner jedoch keine Ahnung, wie die Fortpflanzung vor sich geht. Sexualität spielte eine große Rolle und war normal, alle paarten sich, aber der Mann hatte nichts damit zu tun, wenn ein Kind sich zeigen wollte. Frauen, die viel Sex hatten, verfügten damit über eine mehr geöffnete Vulva: Der baloma konnte besser eintreten.

Ein Mann war zwei Jahre weg, nach einem Jahr wurde seine Frau schwanger, und er dachte sich nichts dabei und schloss das Kind in die Arme. Ein anderer verließ eine Frau, die schwanger geworden war und sagte: »Sie kriegt ein Kind, schlecht.« Schwanger werden heißt, dir wurde irgendwie ein baloma eingepflanzt. Auch die Einheimischen im Norden und Westen Australiens dachten so. Wer weiß, wann in Europa das Wissen über die Fortpflanzung allgemein wurde? Vermutlich erst im späten Mittelalter. Das Problem in diesen prüden Breiten war eher, dass der Mann zuweilen nicht wusste, wie das geht, weshalb manche Königin lange keine Kinder kriegte (mir wurde solch ein Fall aus Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts geschildert).

Übrigens habe ich nie einen Spruch von Malinowski vergessen, den ich nur so ungefähr hinkriege:

Gibt es denn eine wichtigere Frage als die, ob ich nach dem Tod weiterlebe oder vergehe wie Seifenschaum?

 

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