Sheila, das „eine Kind“
Es war das erste Buch von Torey Lynn Hayden, erschien 1980, und sie nannte es One Child. Dieses eine Kind war Sheila, und so hieß denn auch 1984 die deutsche Übersetzung. Was für ein Buch! Es zieht dich in seinen Bann, ich war hingerissen, aber da ich auch diszipliniert bin, las ich jeden Tag 2 Kapitel (und freute mich jeden Morgen darauf und bangte zugleich …)
Der deutsche Untertitel ist nicht so ganz verkehrt:
Eine junge Lehrerin kämpft um die verschüttete Seele eines Kindes.
Torey schreibt von sich selbst, und sie schildert alle ihre Gefühle im Kontakt mit Sheila, einer winzigen Sechsjährigen, die aus unbekannten Gründen einen Jungen entführte, um ihn zu verbrennen. Sie soll ins psychiatrische Krankenhaus, doch dann steckt man sie in eine Klasse mit etwas zurückgebliebenen, »verrückten« Kindern. Sheila schweigt und mauert, und wenn sie schlecht drauf ist, rennt sie in den Raum nebenan und zerstört alles, was sie kleinkriegen kann. (Links Torey als junge Lehrerin mit einem kleinen Mädchen; von ihrer Website, Link weiter unten)
Das war wohl im US-Bundesstaat Montana, wo Torey nach ihrer Geburt 1951 aufwuchs. (Nach diesem Buch heiratete sie einen Schotten und zog in dessen Land, wo sie mit einer Tochter auf einem Bauernhof lebte.) Sie stellte sich also jeden Tag ihren neun Schülerinnen und Schülern, unterstützt nur von dem Mexikaner Anton und einer Hilfskraft, Whitney. Sheila ist das »eine Kind«, das am meisten Probleme bereitet, das sie jedoch irgendwie retten will. Jeden Tag kommt es mit dem Bus; zu Hause ist nur sein Vater, ein Wanderarbeiter, der dauernd Bier trinkt und sagt, Sheila sei nicht seine Tochter, sei ein »Bankert«. Die Frau ist mit dem Sohn Jimmy verschwunden.
Allmählich fasst Sheila Vertrauen zu ihrer Lehrerin und klammert sich an ihrem Gürtel fest. Manchmal setzt sie sich ihr auch auf den Schoß. Torey schafft es, ihr klarzumachen, dass sie ihr nicht böse ist, auch wenn sie etwas Schlimmes anstellt. Die Schlüsselszene ist die Lektüre des Buches Der kleine Prinz von Antoine de St. Exupéry. Der kleine Prinz trifft den Fuchs und will mit ihm spielen, weil er so traurig ist.
»Ich kann nicht mit dir spielen«, sagte der Fuchs. »Ich bin noch nicht gezähmt!« (…)
»Ich suche die Menschen«, sagte der kleine Prinz. »Was bedeutet ›zähmen‹?« (…)
»Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache«, sagte der Fuchs. »Es bedeutet: sich ›vertraut machen‹ … wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt …« (…)
»Bitte .. zähme mich!« sagte er. (…)
»Was muss ich tun?« fragte der kleine Prinz.
»Du musst sehr geduldig sein«, antwortete der Fuchs. »Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus den Augenwinkeln anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist eine Quelle der Missverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein wenig näher setzen können …«
Am nächsten Morgen kam der kleine Prinz zurück.
Das ist genau die Geschichte von Torey und Sheila, und das kleine Mädchen möchte auch, dass Torey sie zähmt: Sie spricht es sogar aus. Erst redet sie nur im Präsens und will nicht schreiben, doch diese Blockaden lösen sich. Sheila ist sogar ein überaus begabtes Kind, das in höhere Klassen gehen könnte. Die Lehrerin wirbt um sie, kümmert sich um sie, erklärt ihr alles und erwirbt tatsächlich ihr Vertrauen. Dann: wieder Probleme.
Onkel Jeffrey kommt zu Besuch und will sie vergewaltigen, verletzt sie dabei. – Dann wird ein Platz in der Psychiatrie frei, Sheila soll dorthin; Chad, Toreys Partner, strengt ein Gerichtsverfahren an, das gut ausgeht. Und er schenkt Sheila ein hübsches Kleidchen. Und dann wird die Klasse aufgelöst, Ende des Schuljahrs, Sheila soll in eine andere Klasse.
Und als die Stunde des Abschieds nahe war:
»Ach!« sagte der Fuchs, »ich werde weinen.«
»Das ist deine Schuld«, sagte der kleine Prinz, »ich wünsche dir nichts Übles, aber du hast gewollt, dass ich dich zähme …«
(…)
»Adieu«, sagte der Fuchs. »Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.«
So lernte der kleine Prinz vom Fuchs, und Torey lernte auch von Sheila. Die Lehrerin kämpfte, aber sie nahm sich auch zurück und sagte Sheila, sie liebe sie. Sie würden immer Freunde bleiben. Dieser Abschied ist auch wunderschön geschrieben, dieses Buch macht Mut und gibt Hoffnung.
Im Internet steht, dass Sheila vor einiger Zeit ein Schnellrestaurant leitete, ohne Partner lebte und sich als glücklich bezeichnete. Das steht auf der Website der Autorin, die man auch auf Deutsch lesen kann.
Die Illustrationen sind von St. Exupéry selbst und dem Buch »Der kleine Prinz« entnommen, erschienen im Karl Rauch Verlag Düsseldorf 1958.
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