Das Versprechen
Vor der Serie über Geister in aller Welt und allen Zeiten muss ich einen Artikel zur Weltlage einschalten, weil es mir ein Bedürfnis ist. Doch selbstredend nicht bloß einen Kommentar, sondern etwas, das uns unser badischer Dichter Johann Peter Hebel vor 200 Jahren mitgab: Das hat Bestand. Das ist gültig.
Ich bin entsetzt über alles. Eine Million Libanesen mussten ihre Wohnungen verlassen und schlafen nun irgendwo dort draußen; zur selben Zeit verkaufen die USA an die Emirate Waffen im Wert von 16 Milliarden Dollar. Jeder Kriegstag soll 1 Milliarde Dollar kosten. Ist das zu fassen? 1000 Millionen Dollar für einen Tag! 11.000 Millionen Dollar für 11 Tage? Da könnte man für die Ausgaben eines Tages jedem vertriebenen Libanesen 1000 Dollar geben und sie bauen sich neue Häuser. – Es ist zum Verrücktwerden.
Bei Hebel findet sich unter Betrachtende Schriften der Aufsatz Der Spaziergang am See. Ein schöner Sommerabend. und eine Gesellschaft ist unterwegs. Darunter sind ein Bergrat, ein Amtsrat, ein Rechtspraktikant, ein Apotheker, die schöne Adeline und ein spitzfindiger Herr Doktor, und man philosophiert so vor sich hin. (Oben »Der Spaziergang« von Carl Spitzweg, 1808-1885.)
Der Doktor lässt sich so vernehmen:
Alle Pflanzen des Erdbodens umfassen nicht so viel Mannigfaltigkeit und Entgegengesetztes, so Süßes und Bitteres, so vielerlei Heil und so vielerlei Gift als das Menschengeschlecht in seinen Individuen.
Gut gesagt. Das lässt aber einen nicht ruhen.
»Aber einer von allen – wird der Schlimmste sein«, fiel dem Doktor der Amtmann in die Rede, »ein Verführer und Mörder seines Geschlechtes, ein allgemeines Weltgewitter, das in alle Throne und Altäre einschlagen wird, um König und Gott allein zu sein, der die Welt in Flammen stecken und mit Blut und Tränen löschen wird, um sie noch einmal anzuzünden.« (Oben: Napoleon in der Schlacht von Lützen.)
»Es gehört nichts dazu«, fuhr der Doktor kaltblütig fort, »als ein total überlegener Verstand zur Beharrlichkeit des bösen Willens und eine günstige Zeit. Schon mehr als einer hat’s versucht. aber ich will vom Besten reden. Es ist möglich, so gut als der Schlimmste, und wenn es möglich ist, so bleibt er auch nicht aus. Vielleicht trägt ihn eine Mutter bereits unter dem Herzen. Die Zeiten sind kurios.«
Und der Redner geht noch weiter: Das Schlimmste verspricht (oder verbürgt) das Beste.
Denn alles Schlimmste ist nur Bürgschaft für das Beste. Ohne einen kürzesten Tag warten wir auf den längsten vergeblich. Kein Pendel schwankt einseitig nur nach dem einen Extrem. Freilich muss er zuerst kommen, wenn er noch nicht dagewesen ist. Aber wegen der reinen Arbeit lasst Euch keinen Kummer werden, denn die erhaltenden und rettenden Kräfte überwiegen im großen und ganzen immer die zerstörenden.
Ja! – Netanjahu, Putin und Trump werden vergehen, ein neues Zeitalter wird anbrechen, 2035 sieht alles schon ganz anders aus, und wir tun einmal so, als glaubten wir daran. – Und Johann Peter Hebel, der Menschenfreund, lässt die Gesellschaft weiterwandern, während Adeline und der Praktikanten abdriften und zum »blütenreichen Ufer« schlendern, wo sie sich schließlich küssen; mehr nicht. Das ist ja schon etwas Schönes!
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