Dead Man
Schon wieder William Blake! Den hatten wir doch erst vor 3 Tagen! Ein junger Mann geht durch den heruntergekommenen Ort Machine. Es ist Johnny Depp. Er lernt ein Mädchen kennen, wird angeschossen und vom Indianer Nobody gepflegt. Wie er heiße? »William Blake.« – »Du bist ein Maler, ein Dichter!« ruft Nobody. So beginnt der Film Dead Man von Jim Jarmusch.
Nobody war in westlichen Städten und hat Blakes Gedichte studiert. Und Jim Jarmusch sagte 2014 bei einer Fragestunde, er habe in einer Hütte in den Catskills etwas von den Indianern lesen wollen (heute nennt man sie Ureinwohner Amerikas, »Native Americans«) und habe sich mit William Blake ablenken wollen, den er verehre, – und der klang wie Weisheit aus den Wäldern. Jarmusch:
Das öffnete etwas in meinem Hirn, ich sagte mir: Wow! Er möchte rein in dem Film! So kam er in den Film. Es war nicht etwas, das ich entschied … Es kam so, weil William Blake in dem Film auftreten wollte; ich glaube das.
Der junge Buchhalter, der schon fast tot ist (Dead Man), hat keine Ahnung von Blakes Werken. Eine Verwechslung. Aber das passt zu dem Film, der 1995 entstand und ein Anti-Western ist mit vielen Kapriolen und Zufällen und schrägen Szenen: Da gehen Gewehre seitwärts los und treffen just einen Angreifer; zwei Revolverhelden erschießen sich gegenseitig, und der friedliche Bill Blake (Johnny Depp) erschießt kaltblütig ein paar Bösewichte. Ein Jahr zuvor hatte ja Tarantino mit Pulp Fiction den Krimi aufgemischt, und nun machte sich Jarmusch (in seinem 9. Film) über den Western her.
Man kann über diesen Schwarz-Weiß-Film nicht sprechen, ohne die fast omnipräsente elektrische Gitarre von Neil Young zu erwähnen, die das Paar (Nobody und Blake) auf ihren Pferden und ihrem Weg durch den Wald begleitet, überdreht, brummend, ausschweifend, tirillierend. Blake ist von Beginn an ein toter Mann, und, erneut angeschossen, stolpert er fast im Delirium durch ein Indianerdorf, bevor er von Nobody, seinem Charon, sterbend in ein Kanu verfrachtet wird.
Hier oben nimmt Nobody Abschied von William Blake. Auf meinem Tablet auf dem Schreibtisch, und der Vollmond schaut zu. Der Film ist ein einziger langer Abschied. Nobody erklärt:
Du musst dorthin zurückkehren, wo Meer und Himmel sich begegnen. Das ist die nächste Ebene der Welt. Du gehst dorthin, von wo alle Geister herkommen und wohin sie alle zurückkehren. Die Welt geht dich künftig nichts mehr an.
Der Film ist ein Meisterwerk und auf Youtube im Original zu sehen. (Komisch: Auf dem Tablet hatte ich eine Version mit portugiesischen Untertiteln, was manchem helfen könnte; auf meinem Hauptcomputer ist diese Version nicht zu finden. Rätselhaft.)
Der 80-jährige Robert Mitchum spielt mit, außerdem der Drehbuchautor Billy Bob Thornton, Iggy Pop und Gabriel Byrne. Gary Farmer spielt den Nobody. »Mit wem bist du unterwegs?« wird William Blake gefragt. »Mit Niemand«, ist die Antwort. Das erinnert an die Odyssee von Homer. Es ist auch eine Odyssee: nach Hause, hinüber dorthin, wo die Geister sind.
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