Sansibar und Samarkand

Wir saßen eines Nachmittags zusammen, kamen auf das Buch Sansibar und der letzte Grund von Alfred Andersch zu sprechen, und Adalbert gestand mir, als junger Mann sei er wegen der Magie des Namens Sansibar nach Tansania gereist. Da wird er nicht der einzige gewesen sein; mancher wurde zum Eroberer, weil ihn ein schöner Städtename nicht losließ.

Samarkand fand ich auch immer berückend, und Adalbert war voriges Jahr mit seiner Frau dort, in Usbekistan. Der Name Saba gefiel mir auch, die alte Stadt im Jemen. Saragossa gefiel mir und Sarajewo. Fängt zufällig alles mit Sa- an, und vielleicht ist es ein Zufall, dass auch sacer, das lateinische heilig, mit sa beginnt. Jeder hat einen anderen poetischen Instinkt, jeder mag andere Lautkombinationen.

 

Dass ich 2017 den Ort Pont St. Esprit an der Rhône aufsuchte und 2024 St. Amour, hatte andere Gründe. Da war es nicht der Klang eines Namens, der alle Märchen des Orients in sich zu bergen schien, sondern es war die Bedeutung des Wortes: der heilige Geist und die heilige Liebe. Das mussten besondere Orte sein, da wollte ich hin!

Wir sind eben nicht nur rationale Personen. Ein Gefühl für Ästhetik lebt in uns, und klangvolle Silben schwingen in uns nach und lösen Bilder aus. Nicht umsonst heißt es in manchen Schöpfungsgeschichten, das erste Wesen habe die Welt mit dem Wort erschaffen. Es werde Licht, und es ward Licht!

Dass wir eben nicht bis ins Letzte ausrechenbar sind, dass unsere Entscheidungen nicht alle erklärbar sind, macht unser Menschsein aus. Warum schreiben Menschen Gedichte? Warum malen sie? Warum kaufen sie sich schöne Dinge? Es steckt viel Liebe in den Menschen, und sie versuchen, so gut es geht, in ihr zu leben.

Andere haben auch ein Ideal, eine Utopie, das sind die besseren der Verbrecher. Sie meinen allerdings, das (für sie) Gute müsse durch Opfer (der anderen) erkauft werden, und da sind sie verblendet, da folgen sie einem falschen Stern. Nach Sansibar vorzudringen, indem man ein halbes Land plattwalzt, wäre der falsche Ansatz.

Lebensträume sind ebenso gefährlich wie die Verlockung schöner Namen. Man hört ja oft den Satz »Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum!« Doch dabei wird vergessen, dass es dauern kann, bis der Traum realisiert ist, dass man auf dieser Welt durch tausend »prosaische« Probleme hindurch muss, nach deren Bewältigung der Traum plötzlich nicht mehr so traumhaft aussieht. Wenn man sich den Durchbruch und den Traum so lange vorgestellt und ausgemalt hat und plötzlich das Glücksgefühl ausbleibt, ist die Enttäuschung groß. Märchen spielen in einer anderen Welt.

Sansibar. Dorthin reiste vor 6 Wochen eine junge amerikanische »Influencerin«, die sich Ashlee Jenae nannte, mit ihrem Partner, einem schwerreichen weißen Geschäftsinhaber. Sie feierte ihren 31. Geburtstag, er machte ihr am Tag danach auf einer Safari einen Heiratsantrag: der Beginn eines Traums. Doch dann ging etwas schief. Die beiden stritten sich, und zwar so heftig, dass das Luxus-Resort sie in zwei unterschiedlichen Bungalows unterbrachte, und sie nahm sich in ihrem das Leben. Ganz geklärt ist das noch nicht; aber da ging wohl ein Traum total in die Brüche. Dann vermutlich Kurzschlusshandlung. Traurig.

 

Die Poesie und die Schönheit der Sprache retten uns vor der Niedrigkeit, aber wir dürfen nicht in ihnen verharren, solange die Welt so aussieht. Diese unsere Welt ist kein Märchenreich und das Wort nicht das Ding; mein Zeltplatz damals in Saragossa glich einem Gefangenenlager, und auf Sansibar und in Samarkand wird es Kliniken geben, in denen gestorben wird und Männer, die ihre Frauen schlagen.

Aber Utopien müssen sein, und manchmal fangen sie mit einem romantischen Gedanken an. Das Rote Kreuz; Hospize; unsere Demokratien, unser Sozialsystem; Gastfreundschaft und Zivilcourage und Opfermut. Und viel mehr. So viele gute und gutwillige Menschen gibt es. Die Liebe wird triumphieren, eines Tages und ganz konkret, nicht nur in der Gestalt schöner Namen.

 

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