Vom Harem zum Feminismus
Was für eine Karriere! Das ist aber weniger spektakulär, wenn wir uns klarmachen, dass man unter Harem (wenigstens in Ägypten vor 150 Jahren) einfach die Zone bezeichnete, in der – abgeschlossen und kontrolliert – die Frauen eines Haushalts lebten, Töchter wie Ehefrauen. 26 Jahre verbrachte Huda Shaarawi (1879-1947) im Harem. Ihre Memoiren heißen Harem Years.
Zwei Kapitel sind so betitelt: Kindheit im Harem (1879-1892); Frau im Harem (1900-1918). Huda Shaarawi war die Tochter eines angesehenen Provinzgouverneurs und gehörte also zu den besseren Kreisen. Leider starb ihr Vater, als sie erst 5 Jahre alt war. Mit 13 verheiratete man sie an Ali Pasha Shaarawi, der jedoch bald zu einer Konkubine zog, so dass das Mädchen eine temporäre Scheidung erreichen konnte. So war sie 7 Jahre wieder frei (von 1892 bis 1900), bevor sie sich mit ihrem Mann versöhnte. (Links: Huda Shaarawi mit etwa 20 Jahren)
Um 1912 hielt die Französin Marguerite Clement erste Vorträge über Frauenthemen, die gut besucht waren. Danach entstand eine Organisation, die ein Krankenhaus gründen wollte. Und schließlich kam es im April 1914 zum Intellektuellen Verband ägyptischer Frauen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs reiste Huda mit ihrem Mann nach Europa, sah Paris, Basel und Zürich. Nach dem Krieg gab es eine starke Bewegung, die die britischen Besatzer nicht mehr in Ägypten wollten. Sie nannte sich Wafd.
Die Frauen taten mit. Ende 1919 versammelten sich über 1000 in der Kathedrale und gründeten das Wafdist Zentralkomitee der Frauen. Huda Shaarawi wurde Präsidentin. Die Verhandlungen zwischen Briten und Engländern zogen sich hin. Die Führer der Wafd gingen ins Exil; die Frauen verwalteten die Kommunikation und trafen sich im Januar 1922, um zu beraten. Faule Kompromisse schätzten sie nicht.
Sie wollten britische Produkte boykottieren, forderten ein Ende des Kriegsrechts und ein Ende des Protektorats. Ein Jahr lang kämpften die Frauen politisch. Im April 1923 wurde eine neue Verfassung verkündet, Alle Ägypter seien vor dem Gesetz gleich. Doch schon 3 Wochen später hieß es im Wahlgesetz, nur Männer dürften wählen.
3 Ägypterinnen reisten im Frühling 1923 zur Internationalen Frauen-Allianz nach Rom. Es waren die Witwe Huda (ihr Mann war ein Jahr zuvor gestorben) und zwei Single-Frauen. Saiza Nabarawi und Huda (rechts) sehen wir unten.
Diese beiden rissen sich bei der Rückkehr auf dem Bahnhof in Kairo den in Ägypten üblichen Schleier vom Gesicht. Die anwesenden Frauen quittierten das mit lauten Applaus, manche taten es den beiden nach. Es war eine Sensation. Die Eunuchen, die die Frauen überwachten, runzelten die Stirn. Dieser Akt sei der Anfang vom Ende des ägyptischen Harem-Systems gewesen, schreibt Margot Badran, die Hudas Memoiren übersetzt und kommentiert hat.
Ende der 1920-er Jahre hatte die Ägyptische Feministinnen-Union 250 Mitglieder, darunter auch Frauen aus der Mittelklasse. In den 1930-er Jahren versuchten die Frauen, das Los der Textilarbeiterinnen zu erleichtern. Huda Shaarawi war eine charismatische und energische Präsidentin, sie war beliebt. Der Staat verlieh ihr die höchsten Orden, aber wählen durfte sie trotzdem nicht. Erst 1956 (9 Jahre nach ihrem Tod) bekamen Ägyptens Frauen das Wahlrecht.
Nun noch ein (langes) Zitat vom Ende der Memoiren, das zeigt, wie klarsichtig Huda Shaarawi war. Sie spricht über sich und über alle Frauen.
Außergewöhnliche Frauen erscheinen in bestimmten Phasen der Geschichte und werden von besonderen Kräften bewegt. Männer halten diese Frauen für übernatürliche Geschöpfe und ihre Taten für Wunder. In der Tat sind Frauen helle Sterne, deren Licht dunkle Wolken durchdringt. Sie erheben sich in problematischen Zeiten, wenn der Wille der Männer auf die Probe gestellt wird. In Momenten der Gefahr protestieren Männer nicht, wenn Frauen an ihrer Seite auftauchen. Dennoch ändern die großen Handlungen und endlosen Opfer der Frauen nichts an der Einstellung der Männer zu ihnen.
In ihrer Arroganz weigern sich Männer, die Fähigkeiten von Frauen anzuerkennen. Wenn es ernst wird, erheben sie Frauen gern über die gewöhnliche menschliche Ebene, statt sie auf dieselbe Stufe mit ihnen zu stellen. Männer preisen Frauen mit besonderen Verdiensten und stellen sie auf einen Altar, statt die Fähigkeiten aller Frauen zu würdigen. Frauen haben dies schon immer in ihren Herzen empfunden. Ihre Würde und ihre Selbstachtung sind beschädigt worden. Frauen haben immer überlegt, wie sie ihren Status und ihren Wert in den Augen der Männer erhöhen könnten.
Sie beschlossen, dass dies zu erreichen sei, wenn sie in öffentlichen Angelegenheiten mitsprächen. Als sie ihren Weg blockiert sahen, erhoben sich Frauen, um ihre Freiheit zu verlangen, um politische, wirtschaftliche und soziale Rechte zu fordern. Dieser Schritt nach vorn wurde mit Schuldvorwürfen und Gelächter kommentiert, was indessen ihren Willen nicht schwächte. Ihre Entschlossenheit führte zu einem Kampf, der zu einem Krieg werden hätte können, hätten Männer nicht die Rechte der Frauen anerkannt.
Quelle: Huda Shaarawi, Harem Years, Die Memoiren einer ägyptischen Feministin, London: Virago Press, 1986
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