Wir sind anders (2)
Nun der zweite Artikel über Claudia Mendes Buch Wir sind anders, als ihr denkt. Da geht es um weitere wichtige Themen wie Gewalt gegen Frauen oder einen feministischen Islam. Am Ende wird noch zu einer Abgrenzung gegenüber dem West-Feminismus geschritten, der auch seine blinden Stellen hat.
Die Autorin besuchte das Dar amneh außerhalb von Amman, der Hauptstadt Jordaniens, das »Haus des Schutzes«. Es ist eins von 6 Frauenhäusern in Jordanien mit seinen 10 Millionen Einwohnern. In Ägypten können fast alle Frauen nach einer Studie von sexueller Belästigung erzählen, die indessen seit 2014 ein Straftatbestand im Land am Nil ist. 2018 verurteilt die Al-Azhar-Universität in Kairo, die wichtigste Institution des sunnitischen Islam, die sexuelle Belästigung auch ungeachtet dessen, wie eine Frau gekleidet sei. Das war ein riesiger Schritt nach vorn. In Ägypten existieren heute 50 Frauenhäuser.
Ein anderes Problem ist die Genitalverstümmelung, von der 200 Millionen Frauen betroffen sind. Jedes Jahr kommen 2 Millionen neue Opfer hinzu. Nawar El-Saadawi (1931-2021, rechts zu sehen) hat in ihrem Buch Frauen und Sexualität (Beirut 1972), das kürzlich erstmals deutsch in einem Basler Verlag veröffentlicht wurde, darüber geschrieben. Filme behandeln das Thema.
Die weit verbreitete Gewalt gegen Frauen hat sogar noch zugenommen. Dies hat soziale Ursachen. Frauen sind Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt, junge Männer können ihre Sexualität nicht ausleben, doch vor allem geht es um die Macht. Dies machten mehrere Gesprächspartnerinnen der Autorin deutlich. Der Mann wolle die Frau zurechtweisen. Oft gebe er auch Gewalt weiter, die er als Kind erfahren habe. An den Universitäten studieren mehr Frauen als Männer, und auch im öffentlichen Raum sieht man sie mehr als früher. Das ist ungewohnt und verunsichert viele.
Unterwegs ist man zu einem feministischen Islam. Laut der Autorin Asma Lamrabet gibt es keinen einzigen Vers im Koran, der die Überlegenheit der Männer über die Frauen rechtfertigen würde. Die Gelehrten waren ja allesamt männlich und interpretierten gewisse Verse auf ihre Art, was Ijtihad heißt. Weibliche Gelehrte wurden hinausgedrängt.
Ende der 1960-er Jahre gab es schon feministische Ansätze in der Theologie, und nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 – ein Einschnitt! – ging es richtig los. Übrigens schrieb schon 1928 Nazira Zain al-Din ihr Buch al-sufur wa al-hijab (Verschleiern und entschleiern). Weitere feministische Autorinnen: Aisha Abd ar-Rahman (Bint al-Shati), die von 1913 bis 1998 40 Bücher schrieb sowie Fatima Mernissi (1940-2005, wichtiges Buch: Der politische Harem). Assia Djebar aus Algerien möchte ich auch noch erwähnen.
Das Zitat, das Claudia Mendes Buch seinen Titel gab, stammt von Dubai Abulhoul aus den Emiraten:
Wir sind anders, als ihr denkt. Wir sind nicht diese armen, unterdrückten Opfer, die vom Westen gerettet werden müssen. Diese Zeiten sind vorbei.
Man stellt sich gegen die Dominanz des westlichen Feminismus, den »Weißsein-Feminismus«, und der Wahlspruch ist: Dekolonialisiert den Feminismus! Soumaya Mestiri fordert einen Feminismus ohne Grenzen.
Souad Abderrahim war Bürgermeisterin der 2-Millionen-Stadt Tunis (wie Tunesien überhaupt das arabische Land mit den besten Bedingungen für Frauen ist). 20 weitere Bürgermeisterinnen gibt es, aber nur 17 Prozent Frauen sitzen im Parlament. Außenministerinnen gab es bereits in Somalia, Mauretanien und Libyen. Nur 20 bis 25 Prozent der arabischen Frauen stehen in einem Arbeitsverhältnis. (Rechts oben: die Frauengewerkschaft von Ramallah, Palästina. Foto zwischen 1934 und 1939 durch die American Colony, Jerusalem. Dank an die Library of Congress, Wash. D. C.)
In Saudi-Arabien waren es 2017 ganze 17 Prozent, doch bis 2024 war durch politische Eingriffe der Prozentsatz angestellter Frauen auf 35 gestiegen. Saudi-Arabien will bis 2030 die Frauen noch mehr stärken. Jeder dritte arabische Start-up werde von einer Frau geleitet, gibt uns Claudia Mende noch auf den Weg und ein Zitat:
Denn wir wollen alle selbstbestimmt und in Würde leben.
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