Wir sind anders

Endlich das Buch Wir sind anders, als ihr denkt von Claudia Mende gelesen. Es geht um den arabischen Feminismus, und gestern sagte ja schon Tahani Rached, die Frauen dort seien nicht so schwach, wie sie im Westen wahrgenommen würden. Von dieser Opferrolle wollen sie wegkommen, die arabischen Frauen. Sie wollen ernstgenommen werden.

Fand ich toll. Und ich machte mir 11 Seiten Notizen, aber kleine Seiten. Die arbeite ich jetzt ab, darum werden es zwei Beiträge werden. Widmen wir sie Yanar Mohammed (links), die Anfang März von zwei Männern auf einem Motorrad vor ihrem Haus in Bagdad erschossen wurde. Die 1960 geborene Architektin setzte sich für Frauenrechte ein und gründete Frauenhäuser. Drohungen schreckten sie nicht ab.

Die Gefahren gehen von konservativen Kräften aus, von den muslimischen Gelehrten vor allem, die andere anstacheln. Um so größer ist der Mut von Frauen zu werten, die Wagnisse eingingen, um auf Probleme aufmerksam zu machen.

Die wichtigste Pionierin war Hoda Schaarawi (1879-1943), die mit einer Kollegin im Frühling 1923 auf dem Bahnhof von Kairo ankam. Dann rissen sich beide den Gesichtsschleier weg und zeigten sich; überall wurde darüber berichtet. In Palästina gab es schon eine Frauen-Union, Syrien folgte, und 1944 war Kairo Schauplatz der ersten pan-arabischen Frauenkonferenz. Hoda Schaarawis Bücher, so zum Beispiel Harem Years, haben Millionen Frauen inspiriert.

Claudia Mende gibt uns einige Zahlen zu Marokko. 13 Prozent aller Geburten seien unehelich, jeden Tag würden 25 Säuglinge ausgesetzt. In ländlichen Regionen sind Kinder-Ehen noch verbreitet. – Der Mann konnte sich in Ägypten von seiner Frau trennen »wie von einem Möbelstück«; doch dann wurde im Jahr 2000 die Khol-Scheidung eingeführt, die aber Geld kostet und ein Jahr beansprucht.

Die Frau muss keine Gründe angeben, verliert jedoch alle rechtlichen Ansprüche. Dennoch »gingen die Scheidungsraten durch die Decke«, schreibt die Autorin. Mittlerweile haben Jordanien, Saudi-Arabien, der Jemen, Algerien, Mauretanien, Katar und die Emirate die Khol-Scheidung übernommen. – In Kuwait beträgt die Scheidungsrate heute 48 Prozent, in Ägypten und Jordanien 40 Prozent, in Libanon und Qatar 34 Prozent. In Ägypten sorgen derzeit alleinstehende Frauen für ein Drittel aller Familien. Übrigens erbt in arabischen Ländern ein Sohn doppelt wo viel wie eine Tochter, weil man annimmt, dass diese von ihm versorgt wird …

Zur Sexualität weist Claudia Mende auf den Youtube-Kanal Khateera aus Beirut hin, der 300.000 Follower hat, von denen zwei Drittel Frauen sind. Eine beliebte Serie ist Du hast es von mir gehört, dazu gibt es englische Untertitel, hier eine Folge.  Es fragt die Moderatorin Maria Elyan gern: »Warum haben unsere Gesellschaften so viel Angst vor der Lust der Frauen?« Von konservativer Seite gibt es sogar religiöse Statements, die die Sexualität der Frau als eine Sache zwischen ihr und G*tt bezeichnen; dies sei fast eine »Anerkennung weiblicher sexueller Autonomie«, meint die Autorin.

Autoritäten gestatten auch in gewissen Fällen die Rekonstruktion des Hymen, aber Tricks und Heilkräuter habe es immer gegeben. Abtreibungen sind problematisch, in Marokko soll es täglich 600 bis 800 geben. – Die Autorin erwähnt auch Homosexualität. Sarah Hegazy (LGBTQ) war in Ägypten berühmt geworden, bevor sie nach Kanada ging und sich dort im Juni 2020 das Leben nahm. Wichtig noch: Fatima Zahra schrieb 2022 das Buch Memoiren einer Lesbe. Und Claudia Mende erinnert daran, dass Homosexualität in Deutschland bis 1994 strafbar war!

Morgen Teil zwei.

 

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