Jenseits (der Gesellschaft)
Eines wollte ich gleich zu Beginn klarstellen: In dem Roman Beyond, der auf Deutsch Jenseits heißt, geht es nicht um »unser« Jenseits. Die Protagonistin Gyp lebt von ihrem Ehemann getrennt, von dem sie sogar ein Kind hat; ja, sie lebt später mit einem anderen Mann zusammen. Skandal!
Dieser wunderbare Roman, den ich in 5 Tagen verschlang, erschien 1917. Charles Clare-Winton, ehemaliger Soldat und leidenschaftlicher Reiter, gehört zur Oberschicht, geht in seinen Klub, und wie es »dort oben« zugeht, wusste John Galsworthy ja gut. Durch die Forsyte-Saga wurde er bekannt, 1932 erhielt er den Literatur-Nobelpreis, bald danach starb er.
Clare-Wintons Tochter Gyp heiratet gleich am Anfang den unsteten, temperamentvollen schwedischen Geiger Gustav Fiorsen, und der Vater ahnt Schlimmes … was dann auch eintritt. Gyp war zunächst begeistert, war hingerissen …
Da Gyp zu stolz war, sich nur halb zu geben, gab sie in diesen ersten Tagen ihrer Ehe Fiorsen alles – nur nicht ihr Herz, wenngleich sie ehrlich bestrebt war, ihm auch dies zu geben. Doch das hängt ja nicht vom Willen des Menschen ab; ein Herz kann sich nur selbst verschenken.
Etwas weiter lesen wir, sie wollte seine Seele, die er durch sein Violinspiel verschenkte, aber nicht an sie, seine Frau. Gyp ist tapfer und tatkräftig und sieht den Realitäten ins Auge: Sie hat ihren Mann nicht geliebt. Gustav betrügt sie mit einer kleinen Tänzerin, betrinkt sich, und als ihr Kind zur Welt kommt, eine Tochter, betrachtet er diese als Konkurrentin. Er benimmt sich miserabel, doch wenn er sie um Verzeihung anfleht, vergibt sie ihm. Auch als er wirklich schurkisch handelte, kann sie noch gerührt sein über seinen Gesichtsausdruck.
Die Scheidung will sie nicht beantragen, das führt immer zu öffentlichen Auseinandersetzungen, also verlässt sie ihn und lebt fortan bei ihrem Vater. Und Galsworthy lässt es zu, dass ein neuer Mann auftaucht, 26 Jahre alt wie sie (wie jung!), und
sie ist wieder restlos begeistert. Diesmal aber verschenkt sie ihr Herz, und wir sind verwundert, wie unsicher diese Gyp nun ist, wie oft sie sich fragt, ob er sie noch liebe; sie wurde ja mit Liebe erzogen, und so ist dieses Sich-Klammern an diese Liebe (und den Partner) wohl ein natürlicher Grundzug bei Verliebten.
Doch wir sollten uns fragen, ob nicht das Konzept der »Ausschließlichkeitsbeziehung« zu mehr Leid als Freude führte. Man meint ja immer noch, den oder die Richtige finden zu müssen, und wie oft irrt man sich! Und das Aufeinander-bezogen-Sein mit dem bürgerlichen Besitzgedanken im Hintergrund führt auch zu vielen Eifersuchtsdramen.
Beyond ist ein großer Liebes- und Gesellschaftsroman. Dass er mit dem wahren Jenseits nichts zu tun hat, zeigt die folgende Passage zwischen Winton und seiner Tochter:
»Was glaubst du übrigens, was mit uns nach dem Tode geschieht?«
»Nichts, Väterchen! Wir kehren in das Nichts zurück, aus dem wir gekommen sind.«
»So? Das ist auch meine Ansicht.«
Bisher hatte keiner von ihnen gewusst, wie der andere über diese letzten Dinge dachte.
Natürlich endet es wieder einmal traurig, das ist bei Galsworthy so. Bryan, ihr Geliebter, muss sterben. Doch Gyp behält ihren Kopf oben und plant, ein Heim für arme Kinder zu gründen; sie hat geliebt, und wie heißt es in dem Buch: »Wer liebt, bereut nichts.«
Diesmal habe ich Buchcover ausgesucht, um meinen Artikel zu illustrieren. Manche zeigen eine jammervolle Frauengestalt auf dem Umschlag, die nie und nimmer unsere Gyp ist. Das Bild links außen halte ich auch nicht für sehr gelungen.
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