Dimensionen
Eine zufällige Häufung: Zwei Bücher mit Kurzgeschichten von Alice Munro fand ich. Den Inhalt kannte ich nicht, und vor 15 Jahren hatte ich zuletzt einige ihrer 150 Kurzgeschichten gelesen, das mag nach ihrem Nobelpreis 2013 gewesen sein. Eine Stelle fand ich aus meiner Sicht bemerkenswert, die zitiere ich.
Alice Munro war Kanadierin und starb im Mai 2024, fast 93 Jahre alt. Das sei ja alles ganz schön traurig, sagte Giovanna über ihre Geschichten einmal. Sie spielen alle in einer (unserer) Gegenwart, da sind die vielen Lebensentwürfe, da sind Menschen, die zusammenkommen und wieder auseinanderdriften und bei dem Versuch, ihre Bedürfnisse zu erfüllen, sich gegenseitig verletzen. Die Munro ist immer direkt eingestiegen in ihre Geschichten, hat versteckte Pointen angebracht und überraschende Schlüsse gefunden. Man lernt nichts dabei, ist aber immer irgendwie betroffen.
Dimensionen heißt die erste Geschichte im Band Zu viel Glück, der im November 2013 erschien, wohl gleich nach der Verleihung des Literatur-Nobelpreises. Das ist schon eine extreme Geschichte. Doree fährt ins Gefängnis zu ihrem Ex-Ehemann Lloyd, der in den Jahre zuvor immer misstrauischer und beleidigender geworden war, paranoid manchmal, und einmal verlässt sie das Haus, um bei Nachbarn zu nächtigen. In jener Nacht geschah es.
Wir erfahren das nach 12 Seiten. Lloyd hat ihre 3 Kinder umgebracht. Erstickt hat er sie mit einem Kissen. Das habe sie sich selber zuzuschreiben, sagt er. Er habe ihnen die Qual ersparen wollen, von ihrer Mutter getrennt zu sein. Man sperrt ihn als gemeingefährlichen Geisteskranken auf Lebenszeit ein. Doree fühlt sich ihm dennoch verbunden und besucht ihn manchmal. Verzeihen kann sie ihm nicht. Entsetzliche Geschichte. – Aber war da nicht vor rund einem Jahr die Nachricht auf Instagram von einem Restaurantbesitzer in Texas, der alle Kinder, seine Frau und dann sich selber umbrachte, und das nennt man dann erweiterten Selbstmord.
Plötzlich fängt Lloyd an, religiös gefärbte Briefe zu schreiben, und im letzten äußert er sich so:
Wie fange ich also an?
Den Himmel gibt es wirklich. (…)
Ich habe die Kinder gesehen. Ich habe sie gesehen und mit ihnen gesprochen. (…)
… und was ich weiß, ist, sie existieren. … sie existieren wirklich, und es muss so sein, dass es noch eine andere Dimension gibt oder vielleicht unzählige Dimensionen, aber was ich weiß, ist, dass ich zu derjenigen, in der sie jetzt sind, Zugang erlangt habe. (…)
Es geht ihnen gut. Sie sind wirklich glücklich und vergnügt. Sie scheinen keine Erinnerung an irgendetwas Schlimmes zu haben. … Sie sind in einem Zimmer, das ich teilweise erkennen kann. Es ist wie unser Haus, nur geräumiger und schöner. … Manchmal reden sie durcheinander, aber ihre Wesen sind ganz deutlich und, muss ich sagen, fröhlich.
Sie versorgen sich anscheinend selber und sind weitergekommen. Dmitri kann sprechen, was er zu Lebzeiten nicht konnte. Man hört ja, dass Kinder im Jenseits auch heranwachsen und lernen, was sie lernen sollen. Vielleicht nehmen sie irgendwann dann einen neuen Körper an; das wissen wir nicht. Jedenfalls hat mich diese Erzählung gewundert, denn die Munro ist sonst sehr down-to-earth, sehr faktisch also und geerdet.
Das Bild oben zeigt Alice Munro im Jahr 2006, das ist wenig schmeichelhaft, aber nun kann es ihr egal sein, und das Foto rechts (beide sind von Wikimedia Commons) ist ein Symbolbild, weil der Oktober in der kanadischen Provinz British Columbia Lesemonat ist.
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