Flugverkehr (191): Die Aeroplane in Brescia

Und noch einmal zum Franz. Der schönen Kafka-Biografie von Alois Prinz entnahm ich auch, dass er mit Freunden 1909 eine Flugschau in Brescia besuchte. Am 29. September schrieb er darüber in der Zeitschrift Bohemia. Es ist eine Reportage. Wikisource hat den ganzen Text.

Das war ja nicht einmal 6 Jahre nach dem ersten bemannten Motorflug durch die Gebrüder Wright. – Die drei Flieger, die ihren Auftritt haben werden, sind Louis Blériot (1872-1936), der erst am 25. Juli 1909 den Ärmelkanal überquert hatte (35 Kilometer in 37 Minuten, er im Bild rechts), Glenn Curtiss (1870-1930) und Henri Rougier (1876-1956), der auch Autorennfahrer war. Alle drei starben in einem guten Mannesalter und weil ihr Herz seinen Dienst einstellte, keiner stürzte ab.

»Eine künstliche Einöde in einem fast tropischen Lande« sei da in Brescia entstanden, schreibt Kafka. Rougier »schickt seine Arbeiter hinter den Vorhang des Hangars, ruft sie zurück, geht selbst, alle vor sich drängend, hinein …«. (Wir sehen ihn links.) Curtiss liest die Zeitung. Blériot »schaut, den Kopf fest auf dem Halse, seinen Mechanikern in die Finger, wie sie am Motor arbeiten«. Denn sein kleiner gelber Aeroplan steht neben dem Hangar, doch der Motor streikt, die Schraube will sich nicht drehen. (11 Zeilen lang beschreibt K. die Mühen der Mechaniker.)

Dann die hohen geladenen Gäste:

Gabriele d’Annunzio, klein und schwach, tanzt scheinbar schüchtern vor dem Conte Oldofredi, einem der bedeutendsten Herren des Komitees. Von der Tribüne schaut über das Geländer das starke Gesicht Puccinis mit einer Nase, die man eine Trinkernase nennen könnte. 

Der Dichter D’Annunzio (1863-1938) flog 9 Jahre später, kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, mit einem Geschwader von 10 kleinen Maschinen nach Wien und ließ dort Tausende von Flugblättern abwerfen. Er dichtete gern über den Krieg und lebte im Luxus, was er sich von der faschistischen Regierung Mussolinis bezahlen ließ.

Nach 100 Zeilen wird endlich geflogen.

Die Blériot XI, mit der sein Schöpfer den Atlantik überflog. Das Foto entstand 2006 bei der Kristianstad Airshow

Nun aber kommt der Apparat, mit dem Blériot den Kanal überflogen hat; keiner hat es gesagt, alle wissen es. Eine lange Pause und Blériot ist in der Luft, man sieht seinen geraden Oberkörper über den Flügeln, seine Beine stecken tief als Teil der Maschinerie. Die Sonne hat sich geneigt und unter dem Baldachin der Tribünen durch beleuchtet sie die schwebenden Flügel. Hingegeben sehn alle zu ihm auf, in keinem Herzen ist für einen andern Platz.

Nun Curtiss.

Schon rauscht der Motor des Curtiss, kaum sieht man hin, schon fliegt er von uns weg, fliegt über die Ebene, die sich vor ihm vergrößert, zu den Wäldern in der Ferne, die jetzt erst aufzusteigen scheinen. … Hinter Häusern, Gott weiß wo, kommt er in gleicher Höhe wie früher hervor, jagt gegen uns zu; steigt er, dann sieht man die unteren Flächen des Biplans dunkel sich neigen, sinkt er, dann glänzen die oberen Flächen in der Sonne. …

Curtiss holt sich den Großen Preis von Brescia. Rougier ist auch schon in der Luft.

Gerade als Curtiss nach seinem Siegesflug vorüberkommt, ohne herzuschauen ein bisschen lächelnd die Mütze abnimmt, fängt Blériot einen kleinen Kreisflug an, den ihm alle schon vorher zutrauen! Man weiß nicht, ob man Curtiss applaudiert oder Blériot oder schon Rougier, dessen großer schwerer Apparat sich jetzt in die Luft wirft. Rougier sitzt an seinen Hebeln wie ein Herr an einem Schreibtisch, zu dem man hinter seinem Rücken auf einer kleinen Leiter kommen kann. Er steigt in kleinen Runden, überfliegt Blériot, macht ihn zum Zuschauer und hört nicht auf zu steigen.

Die Gebrüder Wright 1909 in Pau (Pyrenäen)

Da werden sich manche fragen: Wo ist in alldem Kafka, wie wir ihn kennen? Er ist etwa in der folgenden Formulierung:

Es ist eine vollkommene Leistung, aber vollkommene Leistungen können nicht gewürdigt werden, vollkommener Leistungen hält sich am Ende jeder für fähig, zu vollkommenen Leistungen scheint kein Mut nötig.

Und auch wie die »tollkühnen Helden in ihren fliegenden Kisten« (Titel einer Komödie von 1965) schnell vergessen werden, wie ihr Heroismus bald hinfällig ist: Das ist Kafka. Die Freunde wollen den letzten Zug kriegen und reisen ab, während Rougier, nun unbeachtet, weiterschwebt. Curtiss ging es ähnlich.

Und während Curtiss allein dort über den Wäldern arbeitet, während seine allen bekannte Frau um ihn sich sorgt, hat die Menge fast an ihn vergessen. 

Der Weg dreht sich und Rougier erscheint so hoch, dass man glaubt, seine Lage könne bald nur nach den Sternen bestimmt werden, die sich gleich auf dem Himmel zeigen werden, der sich schon dunkel verfärbt. Wir hören nicht auf, uns umzudrehen; gerade steigt noch Rougier, mit uns aber geht es endgültig tiefer in die Campagna. 

 

Die veröffentlichten Fotos sind gemeinfrei, meist Wikipedia oder Wikimedia Commons entnommen. Das Bild rechts unten ist ein Ausschnitt aus dem berühmten, 1913 entstandenen Foto auf dem Wiener Prater. Die vier sitzen in einem nachgebildeten Aeroplan. Nur Franz Kafka lächelt.

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