Kafka im Flow
Kurzfristig das Programm geändert. Ich hatte vorher einen alten Prosa-Beitrag aus Italien drin, doch dann befeuerte mich doch (wie andere) das triumphale Ergebnis der Demokraten in den USA. Das Ende des Albtraums Trump ist abzusehen. Was für eine Nacht! – Auch Franz Kafka hatte einmal eine triumphale Nacht.
Franz Kafka erlebte eine Art satori. Er hatte ein Erweckungserlebnis. Eine Nacht lang befand er sich im Flow – und schrieb die Erzählung Das Urteil. Dann war er drin, danach glaubte er an sich. Das fand ich in dem Buch Auf der Schwelle des Glücks, der neuen Kafka-Biografie von Alois Prinz. Gut zu lesen.
Am ersten Tag des (mittlerweile ganz schön gealterten) Jahres besuchten wir das Franz-Kafka-Museum in Prag. Natürlich hatte ich nach Prag seine sämtlichen Erzählungen mitgenommen, die ich dann im Flieger liegenließ. Ich gab sie schon verloren; doch die Stewardessen standen müßig herum, also rannte ich zurück und rettete den Band. Es ist ein altes abgegriffenes fast 50 Jahre altes Taschenbuch. Vor ein paar Wochen suchte ich es wieder; doch es stand in einem Regal. Jetzt bleibt es aber auf dem Schreibtisch neben dem Buch über Kafka.
Prinz schildert das ja schön. Es war der 16. September 1911 am Morgen. Das Dienstmädchen sah den jungen Herrn Kafka bereits angezogen; er habe bis jetzt geschrieben.
Tatsächlich hat Kafka die ganze Nacht, acht Stunden lang, ununterbrochen am Schreibtisch verbracht. Und es war für ihn eine großartige Nacht, auch wenn es eine fürchterliche Anstrengung war. Zum ersten Mal ist ihm ein Schreiben geglückt, wie er es sich immer erhofft hat. Und jetzt ist er sich absolut sicher, dass alles, was er bisher geschrieben hat, nur wertlose Pseudo-Literatur ist im Vergleich zu dieser Geschichte, die er wie in einer »Geburt« hervorgebracht hat, »mit Schmutz und Schleim bedeckt. Nur so kann geschrieben werden«, schreibt er in sein Tagebuch, »nur in einem solchen Zusammenhang und solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele«.
Kafka scheint wie verwandelt. Er sei in »unglaublicher Ekstase«, schrieb sein Freund Max Brod. Hunderte Seiten des Amerika-Romans hatte K. schon vernichtet, der höchste Ansprüche ans Schreiben hatte. Ein richtiges Buch müsse uns wie ein Faustschlag auf den Schädel wecken; es »muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns«. Das restlos ausdrücken zu können, was ihn bewegt, wäre wie eine »himmlische Auflösung«, und danach würde er erst richtig zu leben beginnen. Er schätzt Sätze, die nur etwas »zum Schwingen bringen, die etwas Unausgesprochenes, vielleicht Unaussprechbares nur andeuten« (Prinz). (Oben rechts das Bild auf der Rückseite der Eintrittskarte des Museums: der Grübler, der Ekstatiker. Unten links der Brave, der verantwortungsvolle Jung-Versicherungsmann.)
Über Kafkas Prosa und über seinen Stil wurden vermutlich schon Hunderte Bücher geschrieben. Auch seine Tagebuch-Eintragungen klingen rätselhaft und wie nie gehört, da sind durch ein überraschendes Bild, eine ungewohnte Kombination Nuancen ausgedrückt. Das liest sich zuweilen wie moderne Lyrik, und man kann sich gut vorstellen, dass Franz Kafka in seinem Flow ES einfach hat schreiben lassen: so, wie es aus ihm kam. Er spürte, wenn es gut war, wenn es authentisch und kraftvoll aufs Papier kam.
Das ist Literatur. Über schlechte Bücher hat Truman Capote gern gesagt: »That’s typing, not writing.« Oft wird bieder Handlung geschildert, werden Floskeln aneinandergereiht und Banalitäten aufeinandergetürmt. Ach, die Sprache ist das Problem. Ohne Verallgemeinerungen und Vergröberungen könnten wir nicht kommunizieren, doch ist jedes Einzelwesen auf diesem Planeten einzigartig, jedes Gefühl ist es und alles, was wir erleben. Manchmal denke ich an den Nominalismus im Mittelalter, der leugnete, dass es Klassen wie »Fahrräder« oder »Schränke« gibt. Jedes Ding war einzigartig. Kafka hat zu einem einzigartigen Stil gefunden, und über 100 Jahre nach seinem Tod wird er immer noch bewundert.
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