Franz Kafka

Wenn man gerade in Prag war, darf man schon mal über Franz Kafka schreiben. Muss man? Ich werde auch kurz sein Werk umreißen, obwohl das bereits weidlich geschehen ist. Die Sekundärliteratur zu Kafka (also was über sein Werk verfasst wurde), ist immens. Auf eine Seite Kafka kommen vielleicht 30.000 Seiten Interpretationen, ganze Säle werden die füllen. Viele Gelehrte haben sich an Kafka abgearbeitet.

Wir waren selbstredend im Franz-Kafka-Museum auf der Kleinseite, also am Moldau-Ufer mit der Burg und dem Veitsdom. Gut besucht, aber verglichen mit dem unmenschlichen Gedränge auf der engen Karlsbrücke war’s dann doch harmlos. In vielen Vitrinen sehen wir viel Geschriebenes des Autors und viele Bilder.

Er hat sogar ziemlich leserlich geschrieben, und auf Deutsch.

In einem extra Raum sehen wir sogar düstere Bilder vom Schloss, denn Das Schloss und Der Prozess sind die beiden großen Romane des Franze (siehe unten, das Bild), der in der Arbeiterversicherung sein Berufsleben begann. Er war ja hochintelligent und begann deshalb bald, sich zu langweilen.

W. G. Sebald hat in dem Band Schwindel. Gefühle. die Erzählung Dr. K.s Badereise nach Riva untergebracht, und sie beginnt so:

Am Samstag, dem 6. September 1913, ist der Vizesekretär der Prager Arbeiterversicherungsanstalt, Dr. K., auf dem Weg nach Wien, um an einem Kongress für Rettungswesen und Hygiene teilzunehmen. 

Als K. bezeichnet Kafka ja den Helden im Schloss. In Wien trifft er Leute, darunter den greisen Autor Franz Grillparzer (er war 1913 zwar schon 40 Jahre tot, aber Sebald ließ ihn auferstehen), der ihm sogar die Hand aufs Knie legt, fühlt sich unwohl und fährt weiter nach Venedig, wo er sich ebenso unwohl fühlt wie später auch in Riva am Gardasee, dem Ort einer dreiwöchigen Kur. Kafka hat Tuberkulose, die ihn acht Jahre später dahinraffen wird, mit nicht einmal 41 Jahren. Sein Briefwechsel mit den Freundinnen ist immer intensiv, doch nahe kommen sich die Liebenden nie, Kafka entzieht sich immer wieder.

Franz Kakas Werk ist die Überspitzung des grimmigen tschechischen Humors, zudem gespeist aus jüdischen Überlieferungen und geschrieben gegen jeden Trend. Es sind manchmal kurze Notate mit krasser Pointe, manchmal lange Exkurse in fremde Gefilde, und er spielt es durch, ein Maulwurf zu sein und eine Brücke, ach, es ist eine befremdende Welt, in die er uns entführt. Kafkas Werk ist das verstörendste des 20. Jahrhunderts und vielleicht aller Literaturen dieser Welt, und die starke Resonanz zeigt, dass er die Conditio humana des Menschen begriffen hat. Es geht um Vergeblichkeit und die Plage der Bürokratie und um das Sehnen nach Erlösung, die bei Kafka jedoch nie erlangt wird. Der Autor wirkt manchmal wie ein moderner Lyriker, der sich auf Prosa wirft, und manchmal hat er einfach hingeschrieben, was ihm in den Sinn kam; daher unsere Ratlosigkeit bei der Lektüre.

Als Kostprobe eine kurze Erzählung:

Eine alltägliche Verwirrung

Ein alltäglicher Vorfall: sein Ertragen eine alltägliche Verwirrung. A hat mit B aus H ein wichtiges Geschäft abzuschließen. Er geht zur Vorbesprechung nach H, legt den Hin- und Herweg in je zehn Minuten zurück und rühmt sich zu Hause dieser besonderen Schnelligkeit. Am nächsten Tag geht er wieder nach H, diesmal zum endgültigen Geschäftsabschluss. Da dieser vermutlich mehrere Stunden erfordern wird, geht A sehr früh morgens fort. Obwohl aber alle Nebenumstände, wenigstens nach A’s Meinung, völlig die gleichen sind wie am Vortag, braucht er diesmal zum Weg nach H zehn Stunden. Als er dort ermüdet abends ankommt, sagt man ihm, dass B, ärgerlich wegen A’s Ausbleiben, vor einer halben Stunde zu A in sein Dorf gegangen sei und sie sich eigentlich unterwegs hätten treffen müssen.  Man rät A zu warten. A aber, in Angst wegen des Geschäfts, macht sich sofort auf und eilt nach Hause. 

Diesmal legt er den Weg, ohne besonders darauf zu achten, geradezu ein einem Augenblick zurück. Zu Hause erfährt er, B sei doch schon gleich früh gekommen – gleich nach dem Weggang A’s, ja, er habe A im Haustor getroffen und ihn an das Geschäft erinnert, aber A habe gesagt, er hätte jetzt keine Zeit, er müsse jetzt eilig fort. 

Trotz dieses unverständlichen Verhaltens A’s sei aber B doch hier geblieben, um auf A zu warten. Er habe zwar schon oft gefragt, ob A nicht schon wieder zurück sei, befinde sich aber noch oben in A’s Zimmer. Glücklich darüber, B jetzt zu sehen und ihm alles erklären zu können, läuft A die Treppe hinauf. Schon ist er fast oben, , da stolpert er, erleidet eine Sehnenzerrung und fast ohnmächtig vor Schmerz, unfähig sogar zu schreien, nur winselnd im Dunkel hört er, wie B – undeutlich ob in großer Ferne oder knapp neben ihm – wütend die Treppe hinunterstapft und endgültig verschwindet. 

Die böse Ironie des Universums! Der Landvermesser K. in Kafkas Werk dringt nie zum Schloss vor, der tote Jäger Gracchus muss ewig in der Welt umherreisen, ohne die Seligkeit zu erreichen, und der arme Mann sitzt Jahrzehnte vor einer Tür zum Himmelreich, die endlich der Türhüter ihm vor der Nase zumacht. Keine Gnade.

 

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