Rückkehr ins Leben (23): Das Pseudoparadies
Ich weiß gar nicht, warum ich die kleine Geschichte Ein Narrenparadies unbedingt als Weihnachtsbeitrag haben musste. Vielleicht, weil es um Ende und Neuanfang geht und weil Issac Bashevis Singer (1903-1991) der Autor ist. Und vor zwei Jahren gab’s an Weihnachten etwas Vergleichbares, damals von Jean Paul. Die Geschichte passt also ins Programm.
Leben als Traum trifft es, und fiktiver Tod könnte man auch darüberschreiben. Also:
Der reiche Kaufmann Kadisch (Kaddisch ist im Judentum ein Gebet für die Toten) hat einen Sohn, Atzel. Nebenan lebt die gleichaltrige Aksah, und beide spielen gern Mann und Frau. Plötzlich wird Atzel krank, psychisch: Er meint, er sei gestorben. Er hält sich für tot. Vielleicht wollte er ins Paradies, von dem ihm seine Amme immer erzählt hatte, denn Atzel war faul. Er sagte: »Beerdigt mich doch endlich!« Kein Arzt kann ihm helfen Dann sagt Doktor Joetz, in 8 Tagen werde der Junge geheilt sein; man müsse ihn aber machen lassen. Also wurde die Beerdigung vorbereitet.
Der Doktor verlangte dann, dass ein Zimmer wie das Paradies hergerichtet werden sollte. Die Wände wurden mit weißer Seide behängt, und kostbare Teppiche bedeckten den Boden. Die Fensterläden wurden geschlossen und die Vorhänge zugezogen. Kerzen und Ölfunzeln brannten Tag und Nacht. Die Dienstboten wurden in weiße Tücher gekleidet, mit Flügeln auf dem Rücken. Sie hatten die Engel zu spielen.
Atzel wacht auf und erfährt, er sei im Paradies. Prächtiges Essen bekommt er gereicht. Dann will er ruhen. Und erwacht wieder. Bekommt dasselbe Essen. Ist es Morgen? Weder Tag noch Nacht gebe es im Paradies und keine Zeit, erfährt er. Was er tun solle? Nichts, sagen die Engel: Im Paradies tue man überhaupt nichts. Seinen Vater könne er in 20 Jahren treffen, seine Mutter in 30 und Aksah in 50 Jahren. Aksah, erfuhr er, werde wohl irgendwann einen anderen jungen Mann kennenlernen und ehelichen.
Atzel wurde sehr traurig und sagte am achten Tag zu einem Engel, das Leben sei doch nicht so schlecht, wie er dachte. Er wolle so gern reiten oder Freunde treffen. Er jedoch müsse immer und ewig hierbleiben, ist die Antwort. Er hat die Nase voll und will nicht mehr; aber er ist ja schon tot. Und da trifft ein Diener ein und sagt:
Mein Herr, ein Irrtum ist geschehen. Ihr seid nicht tot. Ihr müsst das Paradies verlassen.
Nichts lieber als das! Atzel kehrt zurück und schließt seine Aksah in die Arme. Sie heirateten bald. Doktor Joetz war der Ehrengast.
Es war eine der fröhlichsten Hochzeiten, an die sich die alten Leute je erinnern konnten. Atzel und Aksah waren überglücklich, und sie lebten zusammen bis ins hohe Alter. Atzel lag nicht länger auf der faulen Haut. Er wurde einer der fleißigsten Kaufleute in der ganzen Gegend. Seine Handelskarawanen zogen bis Bagdad und Indien.
Erst nach der Hochzeit erfuhr Atzel, dass Doktor Joetz ihn geheilt hatte und er in einem Narrenparadies gewesen war. In den folgenden Jahren sprach er mit Aksah oft darüber. Später erzählten sie ihren Kindern und Kindeskindern die Geschichte von der wundersamen Heilung durch Doktor Joetz. Und jedesmal schlossen sie mit den Worten: »Aber wie es im Paradies wirklich ist, das weiß man natürlich nicht.«
(Isaac Bashevis Singer, Zlateh die Geiß und andere Geschichten, dtv München 1977, S. 13-30)
Ω Ω Ω
In diesem Märchen steckt viel drin. Unsere Geschichten, in denen anderen etwas weisgemacht wird im Sinne ›Leben war ein Traum‹ … Eine gewisse Neigung zum Tode wird dargestellt, die heute auf das Nichts hofft, auf das Verschwinden … damit Panik und Verzweiflung auch verschwinden. … Könnte man bei lebensmüden Menschen nicht den Tod fingieren und sie dann in einen dunklen Raum setzen? Nach 8 Tagen würden sie vielleicht anders denken.In Japan kennt man seizenso: die Beerdigung zu Lebzeiten. Mit Lobgesängen. Damit man erfährt, wie sehr man geschätzt wird.
Selbstmord ist Illusion; man nimmt alles Leiden mit sich und muss es dort durcharbeiten. Warum nicht an einen anderen Ort gehen und woanders leben? Abhauen, aber auf dieser Erde!
1966 hat Singer das veröffentlicht, und erst zehn Jahre später kam Moodys Buch Life After Life heraus. Die TestpilotInnen müssen ja auch zurück: Ein Irrtum ist geschehen. Das Nichtstun im Paradies (wie auch im Pflegeheim, auch dies eine Art Pseudoparadies) ist natürlich ein Irrglaube! Und wir haben die »paradoxe Intervention« Freuds: Folge dem Patienten, gib ihm recht, spiel es durch! Margot Milner hätte das auch getan. Aber erst muss man die Todesneigung erkennen und bearbeiten, dann kann eine Neugeburt erfolgen wie im Märchen. Warum nicht?
Ich wusste zunächst nicht, dass die Serie »Rückkehr ins Leben« schon so gewachsen ist. Da sind alle Beiträge interessant.
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