O Schmetterling!
Der Titel des Buches von Chahdortt Djavann, aus dem ich unlängst zitiert habe, ließ mich daran denken, dass der Schmetterling in vielen Sprachen einfach schön bezeichnet ist. Er ist ja auch ein paradigmatisches Tier: Er passt zu unserer Vorstellung (das Paradigma) von der Entpuppung, der Befreiung zu einer neuen Existenz, und in der Psi-Literatur hat er, der Schmetterling, seinen Platz.
Diese wunderbaren Worte für den Schmetterling:
butterfly (englisch),
papillon (französisch),
mariposa (spanisch),
parvaneh (Farsi),
farascha (arabisch),
motyl (polnisch),
farfalla (italienisch),
sommerfugl (norwegisch),
perhonen (finnisch),
con buòm (vietnamesisch),
cho (japanisch).
Jorge Luis Borges versammelte als Direktor der Nationalbibliothek in Buenos Aires oft Studenten um sich, und sie schrieben sich ein Wort in verschiedenen anderen Sprachen auf, und bei Borges war es gern das Gelb, yellow, amarillo, jaune, giallo. So konnten die Studenten Klänge abwägen und untereinander vergleichen. Es war eine Schule in poetischem Denken.
Der Schmetterling ist das beste Symbol für Transformation und Wiedergeburt: Aus der Raupe entwickelt er sich und fliegt davon. Verstorbene bedienen sich seiner gern, um ein Zeichen von sich zu geben, ich habe das selber erlebt. Medium Suzanne Giesemann hatte ebenfalls ein Erlebnis mit einem Schmetterling als Boten (Link unten: Von der Marine zu den Geistern). Ich begnüge mich damit, einige Links zu früheren manipogo-Artikeln anzuführen, in denen alles steht. Ich mag die kleinen himmelblauen Schmetterlinge am Rhein und die braunen in den Bergen.
In 14 Tagen hat manipogo den Beitrag Tiere im Jenseits, und da erzählte Elisabeth Vonderau, wie einmal ein Schmetterling an die Windschutzscheibe ihre Autos prallte; und sie, die hellsichtig ist, nahm wahr, wie der transparente Seelenkörper des Schmetterlings aufwärts flog. Das war seine zweite Geburt. –
Und mir fiel da der Beginn des Gedichts Pale Fire von Wladimir Nabokov (1899-1977) ein:
I was the shadow of the waxwing slain
By the false azure in the windowpane
I was the smudge of ashen fluff – and I
Lived on, flew on in the reflected sky.
Er, das Ich des Gedichts, war der Schatten eines Schmetterlings, der durch das »trügerische Blau« einer Scheibe starb. Er war ein Fleck von aschener Farbe auf dem Glas – und lebte weiter, flog weiter: in den Himmel hinein.
Das Gedicht hat 999 Zeilen. Der Erzähler, ein in den USA lebender Exilrusse, fängt mit seinem Bericht an, und wir erfahren in dem beigefügten Kommentar, dass ihn ein Attentäter tötete: ein als Gärtner verkleideter Mann. Am Ende sieht der Erzähler einen Schmetterling … und einen Mann mit einer Schubkarre.
A dark Vanessa with a crimson head
Wheels in the low sun, settles on the sand
And shows the ink-blue wingtips flecked with white.
And through the flowing shade and shining light
A man, unheedful of the butterfly –
Some neighbour’s gardener, I guess – goes by
Trondling an empty barrow up the lane.
Schluss des langen Gedichts. Er sieht einen »Vanessa« (oben zu sehen) mit rötlichem Kopf und tintenblauen Flügelspitzen (Nabokov war Insektenkundler, er sammelte am liebsten Schmetterlinge) ruht sich aus, und nicht beachtet ihn ein Mann, vermutlich eines Nachbars Gärtner, vermutet der Erzähler, der eine leere Schubkarre den Weg entlang schiebt …
Seltsam, dass der große Stilist das Gedicht nach 999 Zeilen enden lässt und uns einen Reim schuldig bleibt. Alles ist streng gereimt, und dann bleibt diese lane plötzlich in der Luft hängen. – Erklärung: Es geht weiter mit dem Anfang! Die erste Zeile ist sozusagen Zeile 1000. Die lane reimt sich auf slain und windowpane. Am Anfang identifiziert sich der Erzähler mit dem Schmetterling, wohl eher so als Spiel, als Wunsch; er weiß ja noch nicht, dass er sterben wird. Details dazu erfahren wir von einem Freund, der das Gedicht eingehend kommentiert. Was für eine verwegene Konstruktion! Der Kreislauf des Lebens.
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