Der brave Soldat Schwejk
Endlich können wir das Kapitel Prag abschließen: mit dem achten Beitrag. Es fehlte noch Josef Schwejk, der brave Soldat. Der Roman über seine Abenteuer umfasst 800 Seiten und blieb unvollendet; sein Autor Hašek starb am 3. Januar 1923 in Prag. Er und sein Geschöpf sind unvergessen, die Tschechen lieben beide. Ich bin immer noch dran an dem Buch.
Hat man den Schwejk gelesen, ist man auch nicht schlauer. Es ist verrückte Lektüre, aber man weiß nicht, was man dazu sagen soll. Zum Glück gab es vor 100 Jahren ein paar berühmte deutsche Feuilletonisten, die besser über Schwejk und seinen Schöpfer schreiben können als ich.
Geboren wurde der Autor am 30. April 1883 laut Wikipedia in »Prag, Österreich-Ungarn«. Komisch, das zu lesen. Stimmt aber. Der große Reporter Egon Erwin Kisch (1885-1948) porträtierte Hašek zwei Tage nach seiner Beerdigung. Er sei fast immer betrunken gewesen, was ihm die Zunge gelöst habe. Sein Honorar vertrank er. Jaroslav Hašek hielt gern Reden, und so trat er 1000 Mal für seine »Partei des gemäßigten Fortschritts« auf, um die Spenden gleich wieder zu vertrinken. Er hatte viele Scherze auf Lager; eigentlich war er selber wie der treuherzige Schwejk, der ja für jede Situation eine passende Anekdote mit Pointe erzählt. Standesgemäß starb der Autor Anfang 1923 durch einen Gehirnschlag an der Moldau nach übermäßigem Alkoholgenuss. Er wurde 40 Jahre alt.
Ich wusste, dass es für ihn im Prager Arbeiterviertel Žižek ein Denkmal für ihn gab. Ich fuhr mit der Straßenbahn beliebig hinein, stieg irgendwo aus und stieß auf die Straße für Jaroslaw Seifert. Dann ging ich aufs Geratewohl geradeaus und links, um wieder Richtung Straßenbahn zu kommen, und in einem Hotel war ein Transparent, auf dem eine Statue für Hašek erwähnt war. Und gegenüber vom Hotel, da war sie!
Nun zum Roman. Er sei das populärste Buch der Tschechen, aber nur beim Volk, urteilte der gebürtige Prager W. C. Weiskopf (1900-1955) im Jahr 1926, und in der verdienstvollen Ausgabe des Aufbau-Verlags (1985, Berlin/Weimar) sind die Artikel von Kisch, Weiskopf und Tucholsky abgedruckt. Weiskopf analysierte:
Schwejk ist ein Geschöpf des alten Österreich. Er konnte nur in jener Atmosphäre von Borniertheit, Schlamperei, gutmütiger Perfidie, anachronistischem Absolutismus und nationaler Unterdrückung entstehen, die den alten Donaustaat charakterisierten. Er konnte nur in einer Zeit, als dieser morsche Staatskadaver in seinen letzten krampfhaften Zuckungen lag, nur im Krieg, zum lächerlichen, blöd-verschlagenen Helden werden, an dessen verschmitzter, fatalistischer Sabotage der Staat nicht zuletzt zugrunde ging.
Wer mehr über dieses verrottete, vertrottelte Österreich-Ungarn lesen will, muss Robert Musil (Der Mann ohne Eigenschaften) und Joseph Roth konsultieren (Radetzkymarsch). Unten links das Programm eines Kinos aus Prag, und der junge Mann links, das könnte der Schwejk sein.
Und Kurt Tucholsky überlegte:
Er ist der kleine Mann, der in das riesige Getriebe des Weltkriegs kommt, wie man eben da so hineinrutscht, schuldlos, ahnungslos, unverhofft, ohne eigenes Zutun. Da steht er nun, und die anderen schießen. Und nun tritt dieses Stückchen Malheur den großen Mächten der Erde gegenüber und sagt augenzwinkernd leise, schlecht rasiert die Wahrheit. Man stellt alles Mögliche mit ihm an, man gibt ihm Klistiere und Arrest, steckt ihn zu den Verrückten und den Offizieren – nichts hilft. Er bleibt ernsthaft dabei, unmöglich zu sein – und hat das Gelächter einer ganzen Welt für sich, weil nur er ausspricht, was alle gefühlt haben.
Schwejk sei wie aus Watte oder Gummi, ein Kullerball der Dummheit, der einzige Ball unter lauter Rechtecken, der einzige Zivilist unter lauter verkleideten Soldaten. Schön hat der Tucholsky das formuliert, er hat den Geist des Romans erfasst.
Schwejk erzählt Hunderte Geschichten, Anekdoten und Episoden, und es schwirrt einem der Kopf. Er redet pausenlos, und keinen Auftrag kriegt er richtig hin. Doch der Oberleutnant Lukasch verzeiht ihm immer wieder.
»Beruhigen Sie sich, Schwejk.«
»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, wenns nicht gegen die Subordination wäre, möcht ich sagen, dass ich mich überhaupt nicht beruhigen kann, aber so muss ich sagen, dass ich gemäß Ihrem Befehl schon ganz ruhig bin.«
»Also kriechen Sie nur in den Waggon, Schwejk.«
»Melde gehorsamst, dass ich schon kriech, Herr Oberlajtnant.«
∅
Schwejk und Woditschka mussten Abschied nehmen.
Schwejk: »Bis der Krieg vorbei sein wird, so komm mich besuchen. Du findest mich jeden Abend ab sechs Uhr beim ›Kelch‹, Na Bojischti.«
»Freilich komm ich hin«, antwortete Woditschka, »gibts dort Unterhaltung?«
»Jeden Tag kommst dort zu was«, versprach Schwejk, »und wenns zu ruhig wär, so wern wir schon aufmischen.«
(…)
»Mädl gibts dort auch!« schrie Schwejk. … Und so trennte sich denn der brave Soldat Schwejk vom alten Sappeur Woditschka. »Wenn Menschen auseinandergehn, so sagen sie Aufwiedersehn!«
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