Selbstbezüglich
Zu manchen Werken der abstrakten modernen »bildenden« Kunst fallen mir nur die Adjektive dreist und unverschämt ein. Was sich Kuratoren alles als Kunst aufschwatzen lassen, ist unglaublich; doch das ist der Zeitgeist. Diese Kunstwerke kennen nur sich selbst. Peter Sloterdijk hat in seinem Buch Du musst dein Leben ändern die Szene auseinandergenommen.
Ich bin ja ein aufgeklärter, toleranter Zeitgenosse, der etwas für neue Impulse übrig hat. Und ich will gleich Beispiele bringen. Wir gehen kurz zur Geister-Ausstellung im Basler Kunstmuseum zurück, die vor 4 Wochen endete. Ich hatte den Durchgang fast beendet und betrat einen riesigen weiß gestrichenen leeren Raum.
»Hier ist das Unsichtbare ja perfekt verkörpert!« sagte ich scherzend zu einer weiblichen Ordnungskraft, die mir etwas verriet: Von da hinten komme ein Luftzug, ein Windstrom, der einen unwillkürlich in die Mitte des Saals schicke. Richtig: Da waren 6 Schlitze in der Wand. Den Luftzug hatte ich nicht bemerkt. An der Wand ein Täfelchen:
Ryan Gander: Looking For Something That Has Already Found You (The Invisible Push), 2019.
Du suchst also etwas, das dich bereits gefunden hat, so der Titel. In Klammern: Der unsichtbare Schub. Der Künstler hat einen Namen. Zitat aus dem Kunstforum.de:
Die Welt des Ryan Gander ist licht und hell und voller Witz, sie liegt um Haaresbreite neben der uns umgebenden Alltagsrealität, aus deren Zutaten sie gebaut …
Vielleicht machen sich die Künstler auch über die Szene lustig, wer weiß. Den Einfall musst du erst einmal haben: einen ganzen Saal leer lassen und für 6 Luftschlitze Geld nehmen. – Man geht danach einige Treppen hinunter und findet an der Seitenwand eine Installation:
Sie heißt Flickering Lights und ist von Philipp Porreno, 1964 geboren. Das Licht flackert tatsächlich. Nimm eine defekte Neonröhre und bringe sie an: Das könnte einen Geist darstellen, sein flackerndes Lebenslicht.
Der Philosoph Sloterdijk setzt das Jahr 1910 als die »Katastrophe der modernen bildenden Kunst« an. Es war das Jahr, als Pablo Picasso und Georges Bracque mit ihren bunten durcheinandergewürfelten Kuben die Kunstwelt auf den Kopf stellten. Den Naturalismus wollte man nicht mehr. Also folgten auf 80 bis 100 Generationen von Künstlern, die das Malen lernten und stetig imitierten, 3 Generationen, die mit neuen Verfahren »das Feld ihres Metiers erweiterten«. Sloterdijk:
Auf diese Weise dringt ein unkontrollierbar überbordendes Element von Selfishness nicht nur in den Kunstbetrieb ein, sondern auch in die Kunstwerke selber. Man sieht ihnen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt deutlicher an, dass sie sich immer weniger für ihre Hergestelltheit und immer mehr für ihre Ausgestelltheit interessieren.
Der Philosoph kommt in Form:
Das Kunstsystem hat inzwischen unangefochten den besten Platz an der Selfishness-Sonne erobert. … Das Kunstwerk … hat alles, nur keinen expliziten Weltbezug. Was es aufstellt, ist seine manifeste Abgeschnittenheit von allem, was außerhalb seiner eigenen Sphäre liegt. Das einzige, was es von der Welt weiß, ist, dass es dort Menschen gibt voll von Sehnsucht nach Bedeutsamkeits- und Transzendenzerlebnissen. Es setzt darauf, dass viele bereit sind, ihre Sehnsucht in der leeren Hermetik selbstreferentieller Werke, in der Tautologie selbstreferentieller Ausstellungen und im Triumphalismus selbstreferentieller Museumsbauten zu befriedigen.
Da hat er sich ausgelebt! Man müsste die vielen Fremdwörter erläutern. Selbstreferentiell heißt, das etwas um sich selbst kreist, sich auf sich selbst bezieht; hermetisch ist ein schwieriger, »verschlossener« Text (wie etwa der von Sloterdijk), und Tautologie ist eine dumme, verdoppelte Feststellung wie »Wenn es regnet, regnet es«.
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