Nach dem Leben
After Life – Nach dem Leben ist ein Film des Japaners Hirokazu Kore-eda von 1998. Später, 20 Jahre später, bekam er für Shoplifters die Goldene Palme von Cannes. Den Zwei-Stunden-Film, der auf Japanisch Wandafuru Raifu heißt (Wonderful life; Asiaten können ja das r nicht aussprechen!) gibt’s auf Youtube, sogar mit (spärlichen) englischen Untertiteln.
Für die Untertitel muss man erst Untertitel, dann »automatisch übersetzen« anklicken. – Die Handlung spielt im Vorhof des Jenseits, einem baufälligen, tristen Schulgebäude. Wir erleben eine Woche mit. Die Scouts (schon Verstorbene) empfangen andere Verstorbene, die noch auf ihren Aufenthaltsort warten. Diese haben drei Tage Zeit, die schönste Erinnerung ihres Lebens auszuwählen, die dann filmisch umgesetzt wird und dann für alle Zeiten bei den Verblichenen verbleibt und sie in ihr.
Das Team bekommt also 22 Kandidaten zugeteilt, die am Schreibtisch nachdenken, welches Erlebnis sie richtig glücklich gemacht hat. Da wird gegrübelt und gerungen, und als jeder eine Entscheidung gefällt hat, geht das Filmteam ans Werk. So kann man schön das Filmemachen thematisieren. Der Film entstand ja vor 30 Jahren, also gibt es noch Filmspulen und Videobänder in Archiven, und Watanabe-san, der sich nicht entscheiden kann, bekommt also 71 Bänder zugeschoben, eins für jedes Jahr seines Lebens.
Das alles ist in Graugrün gefilmt, das Gebäude wirkt wie eine Hauptschule in einem armen Land, und fast hat man den Verdacht, der bayerische Jenseits-Film Zweigstelle (in meinem Beitrag Soldaten auf Urlaub erwähnt, Link unten) habe sich daran orientiert, denn da wirkt der Limbo (Durchgangsstation), den die frisch Verstorbenen aufsuchen müssen, wie eine Art Finanzamt in Mittelbayern aus den 1960-er Jahren.
Nach einer Stunde besann sich Hirokazu Kore-eda darauf, noch etwas Gefühl einzubringen. Watanabe-san hat endlich eine Szene gefunden: Er auf einer Parkbank mit seiner späteren Frau Kyoko. Wie spannend! Die junge Shiori ist indessen in ihren Kollegen Yumiko verliebt, der 1945 im Krieg umkam.
Sie sucht im Archiv und stellt fest, dass Kyokos Lieblingserinnerung sie und Yumiko auf einer Parkbank zeigt … Denn Kyoko kannte Yumiko vor ihrem späteren Mann Watanabe. Der Junge (Yumiko) bekommt einen neuen Job und will vorher eine neue Lieblingsszene einspielen lassen, und was wählt er? Er allein auf einer Parkbank. Shiori ist zufrieden, ihre Trennung wird harmonisch. (Vorher saßen die beiden auch auf einer Parkbank, doch eine Erinnerung von nach dem Tod, das geht wohl nicht.)
Ο À Ó
Die zwei Stunden sind nicht gerade eine Offenbarung, aber der Vollständigkeit halber musste der Film erwähnt werden. Er wirft ja Fragen auf.
Was wäre deine liebste Erinnerung, die du mitnehmen wolltest in die spätere Welt? Dies dient nur dem Nachdenken über unser Leben, ist also völlig hypothetisch. Wer wollte die Ewigkeit mit einer einzigen glücklichen Szene bestreiten; so kommen wir nicht weiter. Glück ist dynamisch, ist eine Steigerung, und ewiges Gück ist öde; daher auch der oft geäußerte Horror vor einem Paradies, in dem alle auf Wolken sitzen, Manna essen und fortwährend Hosianna singen.
Die Frage nach dem Lebensrückblick, den TestpilotInnen erleben, ist spannend. Auch mit unserem jetzigen Wissen, mit Cloud und KI, können wir nicht begreifen, wie es möglich ist, dass Menschen Szenen ihres Lebens wiedererleben, gemeinsam mit den Gefühlen derer, mit denen sie kommunizierten. Unser ganzes Leben mit allen Gedanken ist also irgendwo gespeichert und obendrein verflochten mit dem unserer engsten Mitmenschen, und Pim van Lommel machte uns klar, dass im Gehirn viel zuwenig Platz dafür ist.
Alles, was jemals auf Erden geschah, muss also irgendwo gespeichert sein (wenn Menschen daran beteiligt waren), und wenn wir 50 Jahre zurück wieder völlig real mit den Eltern beim Schwimmen sind, spricht nichts dagegen, dass auch das 11. und das 14. Jahrhundert abrufbar sind; ja, dass eigentlich, aus einer höheren Perspektive heraus, die ganze Weltgeschichte potenziell gleichzeitig abläuft.
Dazu muss ich immer wieder den deutschen Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker zitieren, der es für möglich hielt, dass die Geschichte »ein einziger individueller Prozess in einer allumfassenden Gegenwart« sei.
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