Das Atemzimmer
Der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh (1926-2022), der Mentor der Achtsamkeit, schlug in seinem Buch Ich pflanze ein Lächeln vor, in unseren Häusern je ein »Atemzimmer« einzurichten – einen stillen Raum für Frieden und Versöhnung. Wer gestresst, genervt oder gereizt ist, geht hinein, setzt sich und tut ein paar Atemzüge. Dann wird es besser.
Das wäre ein extraterritorialer Raum wie die Botschaften in großen Städten, diese Enklaven, die unter dem Recht des Landes stehen, das sie vertreten. Thich Nhat Hanh schlägt vor:
Wenn ein Kind spürt, dass es gleich angeschrien wird, kann es in diesem Zimmer Zuflucht finden. … In der Botschaft des Friedens ist das Kind sicher. Eltern werden gelegentlich ebenfalls in dem Zimmer Zuflucht suchen, um sich niederzusetzen, zu atmen, zu lächeln und sich zu erholen. Das Zimmer wird also der ganzen Familie guttun.
Der Autor schlägt vor, es mit Sitzkissen und einer Vase mit Blumen auszustatten, und es sollte darin nicht zu hell sein. Auch eine Glocke müsste dort hängen, die man anschlägt und deren Klang man nachlauscht, und ist er verklungen, kann man mit dem bewussten Atmen beginnen. Die Glocke hören alle im Haus und wissen, dass es ein Problem gibt. Dann kann man hingehen und damit den ersten Schritt zur Versöhnung tun.
Es gibt Streit beim Abendessen; das Kind rennt davon und verkriecht sich in sein Zimmer. Wenn es so etwas nicht hat, sucht es eine Ecke, in der ihm niemand etwas zuleide tun kann. Oder es läuft hinaus in die Natur. Jeder braucht einen Platz ganz für sich, um wieder zu sich zu kommen.
Ein Haus mit Kinderzimmern ist eigentlich ein Privileg. Wie viele Familien leben nicht schrecklich beengt in dieser Welt! Und wenn ein gewalttätiger Mann da ist, gibt es wenig Chancen, sich verstecken zu können. Darum gibt es Frauenhäuser und darum gibt es auch Schlafstellen für Obdachlose.
Lizzie Doron schreibt in ihrem (hier bereits vorgestellten) Buch Who the Fuck Is Kafka, sie seien eine ganz normale israelische Familie,
und in meiner Wohnung gibt es, wie in jeder israelischen Wohnung, einen besonderen Schutzraum, ein Zimmer mit bombensicheren Wänden, gegen die Raketen.
Araber haben so etwas nicht, außer sie sind Minister oder Militär.
Der vietnamesische Mönch erzählte noch:
Ich kenne Familien, in denen die Kinder nach dem Frühstück in das Atemzimmer gehen, »ein-aus-eins, ein-aus-zwei, ein-aus-drei bis zehn atmen und danach in die Schule gehen. … Ich bin der Ansicht, dass es in jedem Zuhause ein Zimmer geben sollte, in dem geatmet werden kann. Einfach Übungen wie bewusstes Atmen und Lächeln sind sehr wichtig. Sie können unsere Zivilisation verändern.

Mein derzeitiger Rückzugsraum: Bucht 9 am Rhein-Kanal mit Sandstrand und Schwänen, nun schön bewachsen mit Raps
Das obere Bild zeigt die kleine Gaube in unserem damaligen Haus im Osten St. Gallens. Eine Glocke brauchte es nicht, denn man hörte gut die Schellen der Kühe in der Nähe.
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