Diese Mädels da …
Unklar war, ob der Film auf Englisch These Girls heißt oder Those Girls; diese oder jene? Der französische Titel ist Ces filles-là, also doch eher jene: also diese Mädels da. Über sie rümpft man die Nase, an denen geht man schnell vorbei, denn es sind Straßenkinder in Kairo, arme Chaoten, und die Ägypterin Tahani Rached hat sich ihrer angenommen.
Sie drehte 2013 ihren einstündigen Dokumentarfilm, der es sogar in die Filmfestspiele von Cannes schaffte. Arabischer Titel: el-banate dol. Man kann ihn auf Youtube mit englischen Untertiteln sehen.
Tragende Figur ist Tata, die bisher überlebt hat, die sich auskennt und sich zu wehren weiß. Sie hat die Filmemacherin eingeführt in die Gruppe. (Rechts im Bild.)
Zuerst hören wir Sister Hind, eine junge Frau, die den jungen Mädchen hilft wie eine Sozialarbeiterin, die sie aber gar nicht ist. Sie sagt:
Es ist ein Gefühl, keine Wissenschaft. Ich arbeite mit ihnen auf der Basis dieses Gefühls. Die Mädchen machen, dass du dich lebendig fühlst. Ich brauche sie. Und sie brauchen mich. Aber ich brauche sie mehr. Ich habe mütterliche Gefühle. Sie brauchen diese Zuneigung.
Ein Mädchen ist schwanger, weiß aber nicht, wer der Vater ist. »Dann haben die anderen auch mit mir geschlafen.« Ihr Vater hat gedroht, sie und das Kind, wenn es da wäre, umzubringen. Wer hat das Kind gezeugt? Ein Geburtszertifikat würde helfen.
Tata, die taffste von allen, sagt:
Auf der Straße müssen sich die Mädchen verteidigen. Sonst bleiben sie besser zu Hause. Die Jungs markieren dich manchmal, sie fügen dir Narben im Gesicht zu (they scar). Doch wenn sie ihr Messer ziehen, ziehe ich meins auch. … Manchmal ist mein Herz schwer, dann kämpfe ich mit jedem oder ich schneide mich.
Manchmal entführen die Jungs ein Mädchen und verschleppen es in eine Hütte außerhalb, wo es wochenlang bleibt und auch »markiert« wird.
Wir sind immer traurig. Sogar wenn wir lachen, kommt es nicht von Herzen.
Ein anderes Mädchen sagt über ihre Gruppe:
Ich kann ohne sie nicht leben. Ich fand bei ihnen die Wärme, die es in meiner Familie nicht gab.
Ein Mädchen vermisst ihren Freund Ezzat, den sie ins Gefängnis gesteckt haben:
Er ist die ganze Welt für mich. Er kommt gleich nach Gott.
Während Tata immerzu an Ragab denkt, der auch festgenommen wurde. – Gegen Ende sagt Tata immerhin zu einer Freundin, sie wolle nicht länger auf der Straße leben, sie wolle weg. Hoffentlich hat sie es geschafft.
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Tahani Rached ist heute 78 Jahre alt. Vor einem Jahr sprach sie über sich. Sie habe eine glückliche Kindheit gehabt. Dann wollte der Vater zurück in den Libanon, und dort bewarben sie sich für Kanada. Nur die 18 Jahre alte Tahani wurde angenommen. In Kanada kam sie mit einem US-Filmteam in Kontakt und wurde vom National Film Board aufgenommen, um Filme zu drehen. Sie wollte in Ägypten arbeiten. Arabische Frauen seien nicht schwach, wie sie in Kanada wahrgenommen würden. Ihre Grundsätze:
Um Menschen filmen zu können, muss ich sie lieben. Für mich ist jeder Film eine Gelegenheit, zu lernen. Ich werde in andere Welten eingeführt. Wenn ein Film beendet ist, komme ich als anderer Mensch heraus, mit einer neuen Wahrnehmung des Lebens. Ich liebe es, wenn Leben und Realität mir sagen, dass ich falsch lag. Wenn ich einen Film drehe, lebe ich oft Wochen und Monate mit denen zusammen, um die es geht. Ich wollte also mehr über die Straßenkinder in Kairo wissen. Wie leben sie? Dann trafen wir Tata, und ich spürte, dass das der Charakter war, den ich wollte. Sie führte mich herum.
Zur Zeit arbeite ich an dem Film »Live it Happily … You Live it Once«. Es geht um Beziehungen unter Menschen, um Lachen und Freude. Wer Filme dreht, muss hartnäckig sein, muss um seinen Film kämpfen. Kino ist mein Leben. Die Filme, die ich drehte, sind meine Gedanken, meine Gefühle, meine Träume. Alle zwei Jahre mache ich einen Film. Sobald ich einen Film angefangen habe, denke ich schon an den nächsten. Mein ganzes Leben drehte sich um Filme.
Andrzej Wajda hat das ähnlich ausgedrückt. Die Leidenschaft der Cineasten.
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