Befehlsverweigerung

Ich will ja das Gesamtwerk von Sir Laurens van der Post lesen und habe mir The Admiral’s Baby geholt, das 1996 erschien. Das Buch behandelt seine Freilassung aus japanischer Kriegsgefangenschaft und die Bemühungen der Briten, die Unabhängigkeit Indonesiens von niederländischer Herrschaft gewaltlos zu gestalten.

Es war das letzte der über 20 Romane und Tatsachenberichte von Sir Laurens van der Post, der ein abenteuerliches Leben führte. Im Dezember 1996 feierte er fünf Tage lang n Colorado seinen 90. Geburtstag.Wenige Tage später hauchte er mit den Worten »die sterre« (die Sterne) sein Leben aus. Ist ja fast wie bei Dante Alighieri, der jeden der drei Teile seiner Göttlichen Komödie mit »le stelle« beschloss.

De mortuis nil nisi bene, heißt es: über die Toten nur Gutes. Dennoch schauten sich ein paar Leute van der Posts Bücher näher an und ermittelten Widersprüche und Ungereimtheiten. Das ist nicht deprimierend, sondern fast beruhigend, denn der Meister wirkt in seinen Büchern derart weise, menschlich und dennoch zupackend, dass man es kaum glauben kann und sich selber ganz klein fühlt. Auch André Malraux hat man nachgewiesen, dass er seine Bücher, in denen er über seine Unterrredungen mit Staatsmännern und gekrönten Häuptern schrieb, etwas schönte.

Egal. Laurens van der Post bleibt ein großartiger Autor mit großer Sensibilität, und immer findet man Geschichten, die es wert sind, weitererzählt zu werden. Zum Beispiel die über Gilbert MacKereth, einen englischen Konsul, der lange in Äthiopien gearbeitet hatte, bevor er nach Sumatra beordert wurde. Im Ersten Weltkrieg sollte er einen Angriff auf die deutschen Gräben leiten. Drei Tage davor schaute er sich das künftige Schlachtfeld an und kam zu dem Schluss, dass ein Desaster unausweichlich sei, dass er seine ganze Brigade verlieren würde.

Das sagte er seinem General, der jedoch hart blieb. Seine Befehle gälten, und er, MacKereth, werde sicher dafür sorgen, dass sie wie gedacht ausgeführt würden. MacKereth antwortete: »Es tut mir leid, Sir, aber ich muss Ihnen sagen, dass ich hier und jetzt einen solchen unheilvollen Befehl nicht ausführen kann.« Unglaublich!

Laurens van der Post erinnerte sich auch an Situationen, in denen er vom Kommando abgetrennt war und dessen Befehle modifizieren musste, und er klammerte sich an das Regelwerk des britischen Königs, in dem es hieß, ein Offizier, der einen Befehl nicht ausführe, weil er erkenne, dass er durch die Ausführung die ursprüngliche Absicht, aus der heraus der Befehl erteilt worden war, torpedieren würde, sich nicht einer Befehlsverweigerung schuldig mache.

Der General hätte MacKereth leicht vor ein Kriegsgericht stellen und erschießen lassen können. Indessen waren alle von dem hohen Blutzoll geschockt, den die Truppen entrichten hatten müssen, und der ungehorsame Offizier wurde nur seines Postens enthoben. Ein neuer Brigadechef wurde ernannt, rannte wie befohlen mit seinen Leuten gegen die deutschen Stellungen an und verlor fast seine ganze Brigade, wie Gilbert MacKereth befürchtet hatte.

Dabei denkt man an den niederländischen UN-Kommandeur, der in Ruanda Order hatte, nicht einzugreifen und ohnmächtig zusah, wie Hutu 1994 Tausende Tutsi erschlugen. Oft dachte ich mir: Wie konnte er das zulassen? Ein Befehl kann nicht über dem Menschenleben von Hunderten und Tausenden stehen. Man denkt an die Einsatzgruppen der SS, die im Osten eine Million Menschen zielbewusst töteten. Es gab einige wenige Fälle von Soldaten, die das nicht mitmachen wollten. Sie wurden nicht hingerichtet, was gerade die zur Rechenschaft Gezogenen befürchtet hatten: »Befehlsnotstand« hieß ihre Verteidigungslinie.

MacKereth musste nach dem Krieg dauernd eine Sonnenbrille tragen, weil er das Sonnenlicht nicht mehr ertrug. Erst der Psychologe Crichton-Miller heilte ihn, indem er ihn sagte, der Horror sei nicht in der Sonne beheimatet, sondern in ihm selbst. »Die Dunkelheit, in die er sich verkrochen hatte, war seine eigene Verleugnung des Lichts gewesen, das ihn heilen würde. Blitzartig war er auf seinem Weg, Frieden zu finden, und er tauchte auf als einer der vollständigsten und ›heilsten‹ Menschen, die ich je kennengelernt hatte«, schrieb Laurens van der Post.

 

Beiträge über Laurens van der Post: Flamingofeder; Dennoch ein anderer sein; Japanische Gärten; Nebel; Mondaufgang; Ohne Echo; Flugverkehr (27): die Eule; Allerheiligen; Alte Lehren von Jung; Flugverkehr (30): der Albatros; Toni Wolff; Heiliger Kraftort; Ein bemerkenswerter Gedanke.

 

 

Einen Kommentar schreiben: