Rückkehr ins Leben (25): Guillaumet
Die Anden im Winter: Dort hat es Florian Berg erwischt. – Eine Geschichte, die gut ausging in den Anden, erzählt Antoine de Saint-Exupéry in seinem Buch Terre des hommes (deutsch Wind, Sand und Sterne). Es ist eine Heldengeschichte aus der Frühzeit der Fliegerei, und durchlebt hat sie der Pilot Guillaumet.
1926 hatte Saint-Exupéry als Linienpilot auf der Strecke von Toulouse nach Dakar begonnen. Er schreibt gern über seine Kameraden, etwa über Jean Mermoz, der den Südatlantik überflog. Die nächste Herausforderung waren die Anden: für die Aéropostale Briefe von Mendoza oder Buenos Aires über die Bergkette nach Santiago fliegen. Auf einem dieser Flüge wurde Guillaumet vermisst, zunächst 48 Stunden. Saint-Ex, wie man ihn gern nannte, und Deley fliegen mit ihren Maschinchen andauernd die Strecke ab, blicken in Klüfte und auf Schneeflächen.
Jemand sagte: »Die Anden im Winter geben die Menschen nicht mehr heraus.« – In Santiago meint ein Pilot, wenn ihr Kamerad den Sturz überlebt haben sollte, werde er in der ersten Nacht gestorben sein. »Die Nacht macht die Menschen zu Eis.« Die beiden kehren nach Mendoza zurück. Sieben Tage sind seit Guillaumets Verschwinden verstrichen, da tritt ein Mann ein und ruft: »Guillaumet lebt!« Gleich starten sie wieder, landen nach 40 Minuten in San Rafael und umarmen den Überlebenden, der ihnen sagt:
Was ich gemacht habe, das schwöre ich euch, kein Tier hätte das gemacht.
Dann erzählt er. – Gestartet war er in Santiago, obgleich auf der chilenischen Seite der Anden ein Gewitter aufzog. Guillaumet wollte eine Lücke finden und fand sie auch, etwas südlicher, und dann lagen vor ihm die Anden, zeigten aber nur ihre Bergspitzen, denn von 6500 bis auf 6000 Meter stand eine Wolkenwand. Plötzliche Abwärtswinde drückten die Maschine tiefer, die Wolken kamen mit, der Pilot verlor die Orientierung. Es wurde gefährlich. Vielleicht dachte er noch an einen Spruch des Direktors der Aéropostale:
Erinnert euch aber daran: Jenseits des Wolkenmeers. da ist die Ewigkeit.
Plötzlich fand er sich auf 3500 Metern Höhe, als er unter sich eine dunkle Masse sah: einen See, die Laguna Diamante. An deren Ufer flog er entlang in 30 Metern Höhe, als das Benzin knapp wurde. Dann schmierte das Flugzeug ab und ging hart nieder. Guillaumet stieg aus – und wurde gleich vom Schneesturm umgeworfen. Er hüllte sich in Postsäcke, grub sich ein und wartete 48 Stunden ab.
Saint-Ex bringt Guillaumet zurück nach Mendoza. Der Kamerad wirkt wie ein alter Mann, hat ein geschwärztes Gesicht, ist abgemagert und kann seine Beine kaum mehr gebrauchen. Schlafen kann er nicht, das Erlebte verfolgt ihn. Also erzählt er weiter.
Er sei also bei minus 40 Grad losmarschiert, auf 4000 Meter hoch und hinunter, und wenn er stürzte, musste er gleich wieder aufstehen, denn sonst wäre er festgefroren. Im Schnee, meinte der Pilot, verliere man seinen Überlebenswillen. Nach 3 oder 4 Tagen wünsche man sich nur noch das Ausruhen. Er aber spornte sich an: Seine Frau glaube, dass er lebe und marschiere, seine Kameraden glaubten es auch, also wäre er ein Schuft, wenn er nicht marschierte … Als nächstes versuchte er, überhaupt nicht mehr zu denken.
Einmal rutscht er aus und fällt bäuchlings hin. Er kann nicht mehr aufstehen. Ihm fehlt die Energie. Warum nicht die Augen schließen? Dann hätte er Frieden. Er versucht es.
Kaum waren die Lider geschlossen, gab es keine Stöße und Stürze, keine schmerzenden Muskeln und Füße mehr und nicht mehr das Gewicht des Lebens, wenn man dahinmarschiert wie ein Ochse … Schon spürte ich, wie die Kälte als ein Gift zu wirken begann und wie sie, vergleichbar mit dem Morphium, dich nun mit Glückseligkeit erfüllte. Dein Leben flüchtete sich in die Nähe deines Herzens. Etwas Süßes und Wertvolles siedelte sich mitten in dir an. Dein Bewusstsein verließ nach und nach die ferneren Regionen dieses Körpers., der plötzlich die Undurchdringlickeit von Marmor zu haben schien. … Du gingst weiter, in einem Rhythmus des Traums, und lange Schritte öffneten dir die Freuden der Ebene. Mit welcher Leichtigkeit glittest du hin durch diese Welt, die dir so zärtlich geworden war?
Nach diesem »Kick« marschierte er zwei Tage und drei Nächte hindurch. Er habe irgendwie dann sein Gedächtnis verloren und dann nach und nach Dinge, darunter einen Handschuh, und das habe er immer mehr als Zeichen dafür genommen, dass es bald zu Ende sein werde. Guillaumet:
Was einen rettet ist es, einen Schritt zu tun. Noch einen Schritt. Es ist immer derselbe Schritt, mit dem man wieder anfängt …
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Die Neurowissenschaftler werden natürlich sagen, dass das Gehirn einen schütze, dass der Körper Adrenalin ausstoße, dass womöglich Endorphine hinzukämen, die neue Energie schenkten … Doch wir wissen von unseren TestpilotInnen, dass es sich eher um eine spirituelle Freude handelt, um den Vorglanz des Ewigen. Ich erinnere mich an Frauen, die am Ertrinken waren, die lange kämpften und dann sich gehen ließen, um Frieden und Erfüllung zu empfinden; doch dann kam ein neuer Energiestoß, der ihnen das Überleben sicherte. So war das auch bei Beck Weathers (Link unten), der liegengeblieben war und dann ganz plötzlich wieder aufstand und weitertaumelte, der Rettung entgegen.
Wie auch immer: Der Mensch ist ein wundersames Geschöpf, in dem so viele Kräfte verborgen sind. Es gibt dann sagenhafte Errettungen, aber auch den Untergang gibt es, doch das musste sein, auch das hat seinen Sinn.
Süß, wie Guillaumet schilderte, dass manchmal sein Herz versagte. Er habe ihm zugerufen:
Auf geht’s, streng dich an! Versuch doch, nochmal zu schlagen! … Aber das war doch ein Herz von bester Qualität. Es zögerte, fing sich jedoch immer wieder. Wenn du wüsstest, wie stolz ich auf dieses Herz war!
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