Umsturz in Ithaka
Vorgestern war ich im Blockbuster dieses Sommers: in der Odyssee von Christopher Nolan. Nach dem abschließenden Gemetzel kam ich wie betäubt aus dem Kino in Müllheim und fuhr nach Hause; Mann, was für ein Trip! Meine Eindrücke muss ich darum gleich loswerden.
Viele haben natürlich schon darüber geschrieben, aber das interessiert mich nicht. Es ist schon ein großartiger Film, der sich auch ziemlich an die Vorlage von Homer hält, die 800 vor Christus entstand. Nolan hat diese Herausforderung glänzend bestanden, er arbeitete mit wunderbaren Schauspielern, und seine Szenerien mit Wolken, Meer, Wüste und Strand begeisterten mich, es kam alles glaubwürdig rüber, und auf der Tonspur gab’s keine gefällige Musik, sondern Einsprengsel von Elektronik, auch das hebt den Film ab von konventionellen Hervorbringungen.
Aber ein paar Dinge muss ich doch erwähnen, die mir aufgefallen sind und wo der Regisseur von der Vorlage abwich.
Zum Beispiel die Geschichte mit dem Riesen, dem Kyklopen mit dem Auge auf der Stirn. In der Odyssee von Homer (9. Gesang) kommt ein langes Gespräch mit Odysseus zustande, doch dann regt sich der Riese auf, zerschmettert zwei der Leute und frisst sie auf. – Da hatte ich übrigens den Eindruck, dass der Riese viel zu riesig war, plötzlich war der in seinen Händen zappelnde Seemann kaum größer als der Kopf des Riesen, der demnach 20 Meter groß gewesen sein musste und nie in die Höhle gepasst hätte.
Und wenn ich mich recht erinnere, sagt einer von Odysseus‘ Mannen, der Riese hätte im Schmerz seinen eigenen Namen ausgesprochen. Schade, dass der Regisseur hier auf die schöne Pointe Homers verzichtete. Da fragt nämlich der Kyklop, wie O. heiße, und der antwortet: »Niemand.« Wer hat ihn denn geblendet? Niemand.
Seltsam fand ich auch die Episode von der Insel mit dem Kind, als plötzlich Ritter angerannt kommen und wiederum Odysseus und seine Leute fliehen müssen. Ich glaube nicht, dass das in der Odyssee steht, und die Ritter mit ihren silbernen Rüstungen sehen aus, als kämen sie aus dem Mittelalter, 2000 Jahre später.
Und dann mein stärkster Einwand. – Odysseus erfährt im Film durch den Seher Teiresias, er werde mit seiner Frau gen Westen segeln, dort seine toten Gefährten ehren und in hohem Alter sterben. Als er in Ithaka die Freier tötet, Dutzende von ihnen, herrscht er (im Film) seinen Sohne Telemach immer an, er solle nicht töten; der künftige König müsse unbefleckt bleiben. Telemach wird tatsächlich König, und Odysseus und Penelope schiffen sich ein, nach Westen.
Da hat sich Christopher Nolan grob über die Vorlage hinweggesetzt, das ist unentschuldbar. Denn im 11. Gesang, als Odysseus den toten Seher Teiresias befragt, sagt ihm dieser, der Meeresgott Poseidon sei erzürnt (der Kyklop war sein Sohn!), er müsse ihn besänftigen. Er solle erst einmal gen Westen reisen und Opfer bringen. Doch dann sagt der Seher deutlich:
Und nun kehre zurück und opfere heilige Gaben
Allen unsterblichen Göttern, des weiten Himmels Bewohnern
Nach der Reihe herum. Zuletzt wird außer dem Meere
Kommen der Tod …
Kehre zurück! Odysseus ist ja der König, und auf der vorletzten Seite der Odyssee (immer in der Übersetzung von Johann Heinrich Voss, 1781) sagt der Allerhöchste Gott Zeus, der »Wolkenversammler Kronion«:
Da der edle Odysseus die Freier nun bestraft hat:,
Werde das Bündnis erneut; er bleibt in Ithaka König.
Klarer geht’s nicht. Und nach einem erneuten Ausbruch von Gewalt greift die Göttin Athene ein und mahnt, sie sollten den Krieg sein lassen, und das ist 4 Zeilen vor Schluss des gewaltigen Epos:
Also sprach sie, und freudig gehorcht Odysseus der Göttin
Zwischen ihm und dem Volk erneuete jetzt das Bündnis.
Odysseus bleibt also König, Telemach muss noch warten. Meine Vermutung: Die meisten Kinozuschauer sind junge Männer zwischen 15 und 25, Diese Zuschauer sollen sich mit dem jungen (20 Jahre alten) Telemach identifizieren, dessen Rolle auch danach angelegt ist, und so darf er auch König werden. Die Alten sollen in Rente gehen! Das Kino schreibt die Geschichte um, denn es fürchtet um seine Zukunft. Mammon schlägt Mythos.
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Das Bild oben rechts ist aus der Türkei; das links oben ist eine Radierung von Wilhelm Tischbein, 1801; rechts sehen wir Odysseus (sitzend), Penelope und Telemach in Fragmenten aus etwa 450 vor Christus, aus dem Dänischen Nationallexikon; und die beiden Bilder unten zeigen, wie Odysseus ausgesehen haben könnte, sie sind aus dem Museum in Reggio Calabria.