Ein zweites Leben im Koma

Drei Jahre ist es schon her, dass ich zum ersten Mal auf das Koma stieß und durch Simon Bown auf die spannende Frage gebracht wurde, was diese Leute erleben (wenn sie es hinterher erzählen können), Nun stieß ich auf den Podcast Lo Invisible, der Rubí Rolgue zu Gast hatte. Sie erzählte von einem alternativen Leben.

Das war vor einem halben Jahr. Der Podcast ist in spanischer Sprache und der überaus korrekte, Vertrauen erweckende Moderator heißt Esteban Vigouroux und ist ein Medium aus Chile.

Rubí Rolgue jedenfalls sprach von ihrem Leben in Mexiko. Sie hatte geheiratet, litt unter der Trennung von der Familie, und plötzlich bekam sie eine Embolie. Beide Lungen arbeiteten nicht mehr richtig, ihr Gehirn wurde schlecht mit Sauerstoff versorgt. Zwei Mal musste sie reanimiert werden. Ein paar Tage nach dem 4. Juli 2025, als Rubí in der Klinik landete, wurde sie für hirntot erklärt. Hinterher, nach der Entlassung, sprach sie von ihrem alternativen Leben.

Ich führte ein normales Leben, irgendwann zwischen 2030 und 2031. Ich hatte dieselbe Mutter, denselben Bruder und Ehemann und war in der Krebsforschung tätig, machte eine Ausbildung. Die Ruhe und der Frieden waren unbeschreiblich. Es war Mexiko, aber weiter entwickelt als heute. Alles war besser. Das Volk stand hinter dem Präsidenten. Jenes Leben schien mir realer als dieses hier, es war zwar Alltag, doch er fühlte sich leichter an, alles war erfüllt und schön.

Doch dann … ging sie auf eine Feier ihres Bruders, wurde von 3 Männern angegriffen und böse misshandelt. Man pflegte sie zu Hause. Einmal kam ein Tierarzt vorbei, und sie fragte sich: warum ein Tierarzt? Dann erfuhr sie, dass er zur selben Zeit wie sie im Koma lag und später starb. Sie selber, Rubí, erwachte hier in unserer Welt, im Sommer 2025, und ihr Gehirn, das auf Bildern fast zerstört schien, war plötzlich wieder intakt. Es war ein Wunder.

 

Natürlich vermisste sie Freunde aus dem Leben von 2030. Sie fragte sich zu Recht, ob sie dort gestorben sei und hier nicht? Oder gestorben war, weil sie hier aufwachen sollte? Wäre sie hier gestorben, hätte sie womöglich dort weitergelebt. Das denke ich, denn mir kam der Fall von Neil in den Sinn, recherchiert von Alan und Beverley Pearce. Er hatte im Koma gelegen und erzählte,

er habe plötzlich in den 1960-er Jahren im Mittelwesten gelebt, geheiratet und auch Kinder gehabt. Dann sei er zusammengebrochen und hier, in der Gegenwart, in seinem Krankenzimmer aufgewacht. Er trauerte seiner Familie nach.   

Er lebte also in der Vergangenheit, und auch er lebte hier weiter, weil er dort starb. Hätte sich sein Zustand hier verschlechtert und wäre er gestorben, so hätte er vermutlich sein Leben im Mittelwesten weitergeführt. Verrückt ist das. Und Rubi? Sie hätte in der nahen Zukunft weitergelebt, doch was wäre mit Mutter, Bruder und Ehemann? Sie würden dann doppelt existieren. Doch wie sie beschrieb, war das ein anderes Mexiko, ein Parallel-Mexiko, das besser entwickelt war als das jetzig.

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