Atheisten im Jenseits

Bei amerikanischen Jenseits-Podcasts liest man das immer wieder als Anreißer: »Ich glaubte an nichts – und erlebte ein Wunder!« Auch Atheisten und Agnostiker (sie sagen: Ob Gott existiert, kann man nicht wissen) werden freundlich aufgenommen, weil das Leben nach dem Tod eben ein Faktum ist. Dazu ein Märchen von Manfred Kyber.

Es mag Menschen geben, in denen sich alles gegen ein Weiterleben sträubt, die total negativ sind. Vielleicht bekommen sie das Nichts, das sie sich wünschen. Die anderen, die alles mit sich geschehen lassen, werden schon klarkommen. Besser allerdings, man ist vorbereitet und freut sich darauf. Dann lebt man auch um einiges besser.

Kyber (1880-1933), von dem wir schon einige Märchen hatten (und weitere haben werden), hat uns eine schön ausgemalte Geschichte hinterlassen. Ich stelle sie in Auszügen vor. Sie heißt

Nachruhm

Die Totenfeier am Sarge des berühmten Anatomen und Leiters des Physiologischen Instituts der alten Universität gestaltete sich zu einer ergreifenden Huldigung der akademischen Kreise vor den Verdiensten des großen Verstorbenen. Der Katafalk war mit Kränzen und seidenen Schleifen behangen, in Lorbeer und Blumen gehüllt, brennende Wachskerzen umrahmten ihn und vor ihm waren auf samtenem Kissen die zahlreichen Orden ausgebreitet, die der gelehrte Forscher mit berechtigtem Stolz getragen hatte. Zu beiden Seiten der Bahre standen die Chargierten der Korporationen mit blanken Schlägern und neben den Angehörigen saßen der Senat der Universität in vollem Ornat, sämtliche Professoren der Hochschule und die Vertreter der Behörden.

Der Priester hatte soeben seine Rede beendet, die allen tief zu Herzen gegangen war. »Er war ein vorbildlicher Mensch und ein vorbildlicher Gelehrter«, schloss er, »er war das eine, weil er das andere war, denn ein großer Forscher sein, heißt ein großer Mensch sein. Wir stehen an der Bahre eines ganz Großen, mit Trübsal in der Seele, weil er uns genommen ist. Aber mitnichten sollen wir trauern und wehklagen, denn dieser große Tote ist nicht tot, er lebt weiter und stehet nun vor Gottes Thron in vollem Glanze seines ganzen arbeitsreichen Lebens, wie es denn in der Schrift heißt: sie ruhen von ihrer Arbeit und ihre Werke folgen ihnen nach!«

… Alle schwiegen ergriffen und es fiel auch niemand auf, dass der Priester anscheinend eine Kleinigkeit vergessen hatte, nämlich die, dass der große Tote, der nun vor Gottes Thron stehen sollte, sein ganzes Leben lang für die Überzeugung eingetreten war, dass es gar keinen Gott gäbe. Aber solche Kleinigkeiten werden bei Grabreden meistens vergessen.

(…)

Der Tote hatte die ganze Zeit dabeigestanden. Ihm war, als habe sich eigentlich nicht viel verändert. Er erinnerte sich nur, einen sehr schönen Glanz gesehen zu haben, dann war alles wieder wie sonst, und er wusste kaum, dass er gestorben war.
Nur leichter war alles an ihm, keine Schwere mehr und keine grobe Stofflichkeit. Ein großes Erstaunen fasste ihn – es gab also doch ein Fortleben nach dem Tode, die alte Wissenschaft hatte recht und die neue hatte unrecht. Aber es war schöner so und es beruhigte ihn sehr, obwohl es anfangs etwas Quälendes hatte, dass er mit niemandem mehr sprechen konnte, dass keiner seiner Angehörigen und seiner Kollegen merkte, wie nahe er ihnen war. Immerhin war es tröstlich, zu hören, wie man ihn feierte und dass man so zuversichtlich von Gottes Thron und von der Asphodeloswiese gesprochen hatte. Freilich – die Titel und Orden fehlten ihm, die erschienen nicht mehr greifbar. Aber war er nicht immer noch der große Gelehrte, der berühmte Forscher? Hieß es nicht: und ihre Werke folgen ihnen nach? …

   Er war nun allein, die Umrisse des Raumes wurden dunkel und verschwammen ins Raumlose. Es war sehr still, nur ganz von ferne verklang das alte Lied, kaum noch hörbar: wenn wir ziehn in Salem ein – in die Stadt der goldnen Gassen…
   Das würde nun erfolgen, vielleicht gleich. Eine große Spannung erfüllte ihn, aber in dieser Spannung war etwas von Angst, etwas Unsagbares, eine große bange Frage, die ihn ganz ausfüllte. Es war auch so dunkel geworden, man konnte nichts mehr sehen.

   Dann wurde es hell und ein Engel stand vor ihm. Also auch das gab es. Dann würde es ja auch einen Gott geben und die vielen Toten, die lebendig waren, und das geistige Jerusalem. Wie schön war das alles!  Aber der Engel sah ernst und traurig aus.
»Wohin willst du?« fragte er.
»Ins Paradies.«
»Komm« sagte der Engel. 

Das soll fürs erste genügen. Wer das ganze Märchen will, das unter Neue Tiergeschichten lief, kann hier klicken. Die Seite pro iure animalis (Für das Recht der Tiere) hat Kybers Geschichte verwendet. Denn Manfred Kyber war ein radikaler Tierversuchsgegner und liebte die Tiere. Also führt der Engel den großen Gelehrten in eine Region, in der seine verunstalteten tierischen Opfer vor sich hin jammern. Er werde eine endlose Zeit mit ihnen leben müssen, erfährt er, und dann kommt ihm eine Gestalt entgegen:

Der Tote sah auf und erblickte ein scheußliches Gespenst mit einer menschlichen Fratze, in einem Gewand voll Schmutz und Blut und mit einem Messer in der Hand.
»Das ist das Scheußlichste, was ich jemals sah,« sagte der Tote und es packte ihn das Grauen, wie er es noch nie erlebt. »Wer ist das Scheusal?“ Muss ich das immer ansehen?«
    »Das bist du,« sagte der Engel.

Na ja, das muss man jetzt nicht toll finden. Fanatiker sind immer unangenehm, was immer ihr Gebiet ist. Dennoch war Manfred Kyber ein begnadeter Erzähler und kannte sich im Okkultismus aus.

 

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